Ein Essay über unsichtbare Opfer, linken Terror und das Schweigen des Kanzleramts
Es gibt Ereignisse, deren wahre Wucht sich nicht in Eilmeldungen erschöpft. Der Anschlag auf die Stromversorgung in Berlin-Brandenburg war kein „technisches Problem“ und keine bloße „politisch motivierte Sachbeschädigung“. Er war ein Stresstest für das Zivilisationsniveau unserer Gesellschaft. Wenn in einer winterlichen Millionenmetropole Zehntausende Haushalte, Krankenhäuser und Pflegeheime vom Netz gehen, wenn Industrieanlagen evakuiert werden müssen, dann ist das keine Protestnote. Es ist ein Angriff auf die physische Existenzgrundlage. Wer dieses Szenario allein nach der Zahl der offiziell bestätigten Todesfälle am Tag X bewertet, verfehlt die Realität nicht nur – er verfälscht sie.
Die Statistik des Schweigens
Die offizielle Zählung unmittelbarer Opfer ist eine bürokratische Beruhigungspille. Sie blendet aus, was empirisch gut belegt ist: Großflächige Stromausfälle erzeugen eine Kaskade indirekter Gefahren, deren tödliche Signatur oft erst im statistischen Rauschen der Folgewochen untergeht. Ein Blick in die Datenlage genügt, um die Dimension zu erahnen. Als Texas 2021 von einem Blackout getroffen wurde, zählte der Staat offiziell 246 Tote. Unabhängige Analysen der Übersterblichkeit kamen auf rund 700 Opfer. Die Differenz? Menschen, die an verschleppten medizinischen Notfällen, ausgefallenen Dialyse-Geräten oder Unterkühlung in den Tagen nach dem Ereignis starben.
In Berlin, wo Kliniken auf Notstrom umschalteten und Pflegebedürftige in kalten Wohnungen saßen, ist die Dunkelziffer das eigentliche Thema. Wir müssen nicht spekulieren, ob es fünf oder fünfzig Tote waren. Das Faktum ist: Wir wissen es nicht, weil wir es politisch nicht wissen wollen. Diese Menschen sterben nicht fotogen vor laufender Kamera. Sie sterben leise. In der Statistik tauchen sie als „natürlicher Tod“ auf. Doch ihr Tod ist menschengemacht.
Das Kalkül des Terrors
Die eigentliche Ungeheuerlichkeit liegt im Vorsatz. Wer Hochspannungsleitungen in Brand setzt, handelt nicht naiv. Die Tätergruppen – im aktuellen Fall ein linksextremes Bündnis – sind technisch versiert. Wer kritische Infrastruktur (KRITIS) attackiert, weiß genau, was er tut.
Internationale Risikoanalysen zeigen, dass bei winterlichen Stromausfällen in urbanen Räumen pro 100.000 betroffene Personen mit einer zusätzlichen Übersterblichkeit von – konservativ geschätzt – 150 bis 400 Fällen zu rechnen ist; abhängig von Dauer, Temperatur und Altersstruktur. Wer also in einer Millionenregion gezielt das Netz angreift, kalkuliert nicht mit „symbolischen Folgen“, sondern mit einer dreistelligen Zahl potenzieller Todesopfer. Das ist keine Spekulation, sondern bekannte Risikostatistik. Wer dennoch handelt, akzeptiert diese Zahl.
In der Logik dieser Ideologie sind leidende Zivilisten keine Opfer, um die man trauert, sondern „Kollateralschäden“ im revolutionären Prozess. Der moralische Trick ist so alt wie zynisch: Man tötet nicht Menschen, man „sabotiert Strukturen“. Dass an diesen Strukturen Menschen hängen – Säuglinge, Greise, Intensivpatienten –, wird bewusst ausgeblendet. Terrorismus beginnt nicht erst dort, wo Bomben explodieren, sondern dort, wo Gewalt gegen Zivilisten als Mittel politischer Zielerreichung eingesetzt wird. Die gezielte Lahmlegung kritischer Infrastruktur erfüllt dieses Kriterium in Reinform – gerade weil die Opfer anonym bleiben.
Die Asymmetrie der Wachsamkeit
Warum aber dominiert in der öffentlichen Wahrnehmung oft noch immer das Bild vom „Aktivismus“? Hier stoßen wir auf eine politische Blindheit, die sich tief in die Institutionen gefressen hat. Wir erleben eine groteske Asymmetrie: Während der Sicherheitsapparat Ressourcen bündelt, um Hausdurchsuchungen wegen „Hass-Postings“ durchzuführen, wird die physische Sabotage der Lebensadern unserer Gesellschaft semantisch abgerüstet. Ein Meme gilt im herrschenden Diskurs schnell als Angriff auf die Demokratie. Ein Blackout wird oft noch als „Sachbeschädigung mit Folgen“ verhandelt. Der „Kampf gegen Rechts“ fungiert hier als legitimierender Rahmen, der den Fokus verengt. Linke Gewalt profitiert von einem kulturellen Rabatt.
Die Falle der Elektrifizierung
Zu der politischen Blindheit gesellt sich eine technische Hybris, die diesen Anschlag erst in seiner vollen Wirkung ermöglicht. Es ist die Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet jene politischen Kräfte, die nun von der Realität kalt erwischt wurden, jahrelang eine monokausale Energiepolitik betrieben haben. Unter dem Banner der „Klimarettung“ wurde der massive Einbau von Wärmepumpen politisch forciert – oft in dafür ungedämmten und ungeeigneten Altbauten. Man hat die thermische Souveränität des Bürgers (Kamin, Gas, Öl, Diversität) zugunsten einer totalen Abhängigkeit vom Stromnetz geopfert.
Es geht hier nicht um eine pauschale Ablehnung moderner Technologien, sondern um die Frage elementarer Redundanz: Eine Gesellschaft, die lebensnotwendige Funktionen auf eine einzige Energieform konzentriert, macht sich erpressbar – technisch wie politisch. Nun schlägt die Realität zurück. In einem Winter, der sich wenig um Narrative schert, werden „All-Electric“-Häuser zu Kältefallen. Wo früher ein Gasherd oder Kaminofen als Redundanz diente, herrscht heute bei Stromausfall lebensbedrohliche Stille. Die Folge sind Improvisationen mit offenen Flammen in Innenräumen, Vergiftungen und Brände. Wer alles auf eine Karte setzt, verliert im Ernstfall alles.
Die Flucht ins Globale
Und wo bleibt das Machtwort? Friedrich Merz, der einst antrat, um die bürgerliche Ordnung und die Autorität des Rechtsstaates wiederherzustellen, übt sich in einer verstörenden Zurückhaltung. Während die kritische Infrastruktur der Hauptstadt brennt, glänzt der Kanzler vornehmlich durch Abwesenheit auf internationalem Parkett.
Ein Kanzler muss nicht jedes tagesaktuelle Ereignis kommentieren. Aber bei einem koordinierten Angriff auf die kritische Infrastruktur der Hauptstadt wäre Schweigen nur dann legitim, wenn im Hintergrund sichtbar und hart gehandelt würde. Das Gegenteil ist der Fall. Es entsteht der Eindruck einer entkernten Politik: Die Flucht ins Globale, wenn das Lokale ungemütlich wird. Dass der Kanzler zu diesem Anschlag bisher schweigt, suggeriert, dass der Schutz der Bürger vor inländischem Terrorismus keine Priorität genießt, solange die Narrative auf den Gipfeltreffen stimmen. Wer als „Sicherheitskanzler“ gewählt wurde, aber als „Reisekanzler“ regiert, während zuhause die Lichter ausgehen, verrät seinen Auftrag als erster Diener des Staates.
Schluss: Wer die Wahrheit schützt
Die wahrscheinlich realistische Opferbilanz – gemessen an Leid, Angst und medizinischen Folgeschäden – werden wir offiziell nie erfahren. Nicht, weil sie unmöglich zu ermitteln wäre, sondern weil sie nicht erzählbar ist im Rahmen der herrschenden Deutung. Sicherheit beginnt jedoch nicht mit Symbolpolitik, sondern mit Prioritäten. Die eigentliche Zumutung ist, dass Politik und Medien so tun, als sei dieser Anschlag isoliert vom geistigen Klima der Verharmlosung linker Militanz zu betrachten. Wer im Winter das Stromnetz einer Millionenstadt angreift, nimmt den Tod von Menschen billigend in Kauf. Wer das leugnet, relativiert oder dazu schweigt – sei es aus ideologischer Nähe oder aus kanzleramtlicher Ferne –, schützt nicht die gesellschaftliche Ruhe. Er schützt die Täter.