„Ganzheitliche Mission“

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mission-2Auf dem Blog: Christozentrisch bin ich gerade in eine interessante Diskussion (hier) eingestiegen, in welcher es um die Definition dessen geht, was Missionist“ bzw. „ausmacht“. Ausgangspunkt war der kritische Fernseh-Beitrag des ZDF (Frontal 21 vom 4. August 2009). Inhalt des Diskurses ist die Frage, inwieweit, oder ob überhaupt Diakonie Bestandteil von Mission ist. Man bezeichnet diesen Standpunkt, bei dem Mission in Kerygma (Verkündigung) einerseits und Diakonie (Liebesdienst) andererseits subsummiert wird, als „ganzheitliche Mission„.

Diese Position ist eindeutig von einem rein diakonischen Verständnis der Mission mancher evangelischer oder katholischer Theologen, Werke oder Kirchen zu unterscheiden, ebenso von den temporären und individualistischen Evangelisationseinsätzen der Evangelikalen. Aber findet sie expiziten Rückhalt in der Schrift?

Grundlegend ist der Schrift keine explizite oder dogmatische Unterscheidung zwischen Mission und Evangelisation zu entnehmen. Diese wird vor allem mit verschiedenen theologischen und kirchlichen Traditionen begründet. Ebensowenig eine Verbindung der Mission mit der Diakonie.

Der Begriff Mission (lat. missio = Sendung) betont die Sendung als solche, der Begriff Evangelisation (griech. eu-angelion = gute Nachricht) den Inhalt, die Botschaft. Calvin verbindet damit konkret die Sammlung der Erwählten unter der Herrschaft Christi. Und das allgenügsame Mittel Gottes dazu, ist die Verkündigung des Wortes Gottes.

Ich stelle also grundsätzlich einen unmittelbaren vorhandenen (biblischen) Zusammenhang zwischen Mission und Diakonie in Frage.

Zum Missionsauftrag gehört m.E. neben der Verkündigung des Evangeliums sehr wohl auch das Taufen (Matth28,19;Mk16,15,16), aber nach meinem Dafürhalten kein soziales Engagement. Dies ist ohne Zweifel eine natürliche Folge erweckten Lebens, gehört aber nicht zur Mission, dem Auftrag den Menschen zuzurufen: Laßt Euch versöhnen mit Gott (2Kor 5,20).

Ich denke, daß mit einer praktischen Handlungsweise – Evangeliumsverkündigung gekoppelt mit sozialem Engagement (kerygma/diakonia) das Evangelium keineswegs verändert wird, aber das dies sehr wohl geschieht, wenn eine solche Meinung explizit als Dogma/Lehrsatz vertreten wird bzw. Predigt ohne Diakonie als “zu wenig”, “nicht ausreichend” etc. angesehen wird.

Diakonie und Koinonia (Dienst und Gemeinschaft) waren und sind ein Zeichen der Liebe innnerhalb der Gemeinde (Joh 13,35;Apg2,41-47 etc.), aber keinesfalls Mittel der Mission. Erst recht nicht als nötige Unterstützung der genügsamen Kraft des verkündigten Wortes (1Kor1,18ff; Röm10,17 etc.).

Die explizite Verpflichtung der Liebe untereinander und Verantwortung füreinander, existiert schriftgemäß für Kinder Gottes untereinander. Ebenso existiert jedoch die Aufforderung Christi sich den Staub von den Füßen zu schütteln wenn das Evangelium nicht angenommen wird bzw. diesen gegen die Personen zu schüttlen, als eine Art der Gerichtsverheissung.

Christozentrisch: Humanitäre Hilfe und Mission
Reformata: Gottes Evangelisation: Calvin über die Ausbreitung der guten Botschaft
Carpentarius: Wort und Tat
Theolobias: Theologie der Mission I – Einleitung, Konversions- und Plantationsmodell

7 Kommentare

  1. Lieber Jean-Louis,

    ich gehe davon aus, daß wir beide von der Notwendigkeit des Disputs über geistliche Inhalte überzeugt sind… daher ertrage ich in diesem Punkt Deine Gegnerschaft sehr gerne und bin offen für eine schriftgemäße Argumentation!

    Könntest Du mir einen Hinweis darauf geben, inwiefern bzw. an welcher Stelle diese Stellungnahme konkret den spezifischen Zusammenhang von Mission und Diakonie ausführt respektive insbesondere belegt?

    Soli Deo Gloria

    Andreas

  2. Lieber Andreas,
    ich möchte nicht die Argumenten wiederholen, die ich im Laufe unserer Diskussion auf „Christozentrisch“ vorgebracht habe, aber betrachte bitte z. B. Matthäus 5, 13-16 und versuche ehrlich diese beiden Fragen zu beantworten:
    1. WAS bedeutet Licht der Welt zu sein (siehe auch Joh. 8,12) und an WEN richtet sich dieser Auftrag?
    2. Welche Rolle spielen die guten Werke dabei? Welche Werke sind überhaupt gemeint: nur die, die in Epheser Kapitel 5 aufgelistet sind oder auch die, die Jesus in Matthäus 5 Vers 42, 44 und 47 erwähnt? Was versteht Jesus unter Vollkommenheit in V.48?

  3. Lieber Jean-Louis,

    eine Wiederholung der bereits ausgetauschten Argumente sollte in der Tat nicht nötig sein und ich gehe sehr gerne auf Deine neuen Argumente und Fragen ein.

    zu 1. Deine Bibelstelle ist der sogenannten „Bergpredigt“ bzw. „Feldpredigt“ entnommen und behandelt das Königreich Gottes. Zu aller erst spricht Christus hier – meinem Verständnis nach – aus historischen Gesichtspunkten zu dem damaligen Israel, der Kirche des alten Bundes. Wenn Er also feststellt, daß das Salz „kraftlos“ geworden, das „Licht unter einem Scheffel“ steht, beurteilt er das ungläubige Israel und kündigt Gericht an (wegschütten, zertreten s.a. Mt8,12). Diese Warnung gilt natürlich auch der Kirche, den Christen der Gegenwart. Weiterhin beschreibt Er mit Salz und Licht die Stellung/Natur bzw. den Auftrag der Gläubigen.

    Wenn Du also explizit nach der Bedeutung dessen fragst, was ich unter „Lichtsein“ verstehe, wen Christus damit beschreibt, teilt Er uns hier meiner Meinung nach grundsätzlich mit, daß wahrhaft Gläubige das Wesen Gottes – in aller menschlichen Unvollkommenheit als Sünder (Simul iustus et peccator) – widerspiegeln.
    So, wie Gott Licht ist (1. Joh. 1, 5; 1. Tim 6,16), werden Gläubige dieses Licht widerspiegeln. Dies meint also imho zuerst, das der Gläubige durch die Rechtfertigung in Christus ohne Finsternis, gerecht und ohne Sünde ist (aus der Vergebung lebt) und weiterhin, das dies erkennbar sein wird. Allerdings nicht aus dem Gläubigen selbst (2Kor 4,7), sondern nur als Gefäß (Scheffel) dessen, was Gott selbst wirkt.

    zu 2. Die „guten Werke“ im Leben eines Gläubigen entsprechen m.E. einerseits der „Frucht des Geistes“ bzw. andererseits den „vorbereiteten Werken“ in Epheser 2,10. Diese gehören insbesondere zur Stellung/Natur des Gläubigen. Christus unterscheidet hier explizit das bedingt Gute (was auch die Heiden=Ungläubigen tun können) im Gegensatz zum unbedingten Guten Gottes (welches nur Gläubige tun können). Ohne den Beistand Gottes (adiutorium Dei), den der Mensch mit dem Sündenfall grundsätzlich verloren hat, ist auch das scheinbar „Gute“ unvollkommen und von Sünde kontaminiert (non posse non peccare= das „nicht-nicht-sündigen-Können”). Es gibt also nichts was der Mensch von sich aus Gott bringen könnte um Ihm zu gefallen. Keine menschliche Anstrengung, keine Werk oder keine Gerechtigkeit ist ausreichend oder genug, um auch nur ansatzweise den Bereich der Forderung Gottes zu erreichen. Durch die Erlösung in Christus haben Gläubige aber bereits „die Freiheit und das Vermögen, nicht zu sündigen” (posse non peccare) und immer wenn sie dem Wort Gottes entsprechend leben, wandeln sie in den vorbereiteten Werken aus Eph2,10. Darin verwirklicht sich – und damit bleiben wir eng am Kontext der von Dir genannten Bibelstelle – bereits in der Gegenwart das Reich der Himmel, das Reich Gottes in der Kirche.

    Wie verstehst Du es?

    sdg

    Andreas

  4. Zu 1:
    Du hast du Recht, wenn du sagst, dass der Auftrag sich an die Kirche richtet, dass die Kirche das Licht Gottes widerspiegelt und dass dies erkennbar sein muss. So soll auch die Liebe der Christen (die Gott bewirkt) ein Hinweis auf das Gute in dem Evangelium sein. Deshalb hat auch Jesus Heilwunder vollbracht und aus diesem Grund sollen wir auch wohltätig sein. Das rettet die Verlorenen nicht, das kann nur die Gute Nachricht, aber das macht sie unentschuldbar, wenn sie gefühllos bleiben.

    Zu 2.
    ich habe bei dir den Eindruck, dass du „gute Werke“ nur so verstehst, wenn sich ein Christ von der Welt fernhält und nicht sündigt. Ist die Kirche auch nicht aufgefordert, seine Umwelt aktiv zu prägen, in Kategorien, die die Ungläubigen auch ohne den Geist Gottes verstehen können?

    Jean-Louis

    1. Hallo Jean-Louis,
      Dein Eindruck trügt bzw. mag ich fälschlicherweise diesen Eindruck erweckt haben. Natürlich soll ein Christ sich nicht „gemein“ machen mit der Welt, aber die Kirche ist in diese Welt hineingestellt und gesandt und prägt diese.
      Um vielleicht eine Brücke zwischen unseren Positionen zu schlagen: Diakonie stellt auf einer allgemeinen Basis auch für mich durchaus „Verkündigung Gottes“ dar, in der Weise, wie auch die Schöpfung (Röm1) die Existenz Gottes verkündigt.
      Bestehen bleibt jedoch für mich die spezifische und exklusive Qualität des Wortes Gottes, allein Glaube und Wiedergeburt (Röm10,17; 1Petr1,23 ) zu wirken und konkrete Offenbarung Gottes zu sein.
      Gruß und Segen
      Andreas

  5. Hallo die Herren!

    Bin grad über eure (bereits beendete) Diskussion gestoßen und will sie auch nicht wieder neu anfachen. Ich beschäftige mich gerade sehr intensiv mit dem Thema und noch vor wenigen Monaten hätte ich als Evangelist klar die Position Andreas eingenommen. Aber gerade die Apologetik zeigt ja auf, dass man keine Aussage neutral machen kann, sondern immer von seinen Denkvoraussetzungen ausgeht. Sprich: mit welcher Hermeneutik gehe ich an das Missionsverständnis.
    Manch gute Literatur (u.a. Kirche ist Mission von R. Hardmeier) hat mir aufgezeigt, dass ich mein bisheriges Verständnis hinterfragen muß bzw. das ganzheitliche Missionsverständnis nicht als unbiblisch abtun kann.

    Herzliche Grüße aus Österreich
    Martin

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