Wie wirkt der Geist Gottes?

Veröffentlicht von

spirit_insideAuch wenn man die pfingstlich-charismatischen Sonderlehren und -praktiken beiseite lässt, existieren innerhalb der evangelikalen Welt, in weiten Teilen sehr unterschiedliche Ansichten über das Wirken des Heiligen Geistes. Zumeist jedoch wird darunter eine subjektiv-erfahrbare, im Wesen des Gläubigen vorhandene Präsenz des Heiligen Geistes verstanden. Dies war weder immer so, noch gehört dieses Gedankengut zur ursprünglich reformatorischen Lehre.
Wie aber sind verschiedene Textstellen zu verstehen, die u.a. davon sprechen, das der Geist Gottes „Wohnung“ in dem Gläubigen nimmt? Kernaussage reformatorischer Lehre dazu ist die untrennbare Verbindung zwischen Geist und Wort Gottes. Luther formulierte es auf seine anschauliche Weise so:

Der Geist fährt einher auf dem Wagen des Wortes.“ (Dr. M. Luther)

Unter „Wort Gottes“ ist weiterhin sowohl das geschriebene als auch das gepredigte und verkündigte Wort zu verstehen. Die Verkündigung kommt aus dem Wort Gottes und ist inhaltlich vom geschriebenen Wort nicht zu trennen oder zu unterscheiden (Röm.10,17). Der Apostel Johannes schreibt:

Der Geist ist es, der lebendig macht; das Fleisch nützt nichts. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben (Joh.6,63)

Hier identifiziert Christus das Wort Gottes eindeutig und unmittelbar mit dem Geist Gottes .

Nach dem Zeugnis der Schrift besteht demnach ein untrennbarer Zusammenhang bzw. Analogie zwischen dem Wort Gottes und dem Geist Gottes in der Hinsicht, wie sich Gott dem Gläubigen mitteilt.

Der Heilige Geist ist als Person bzw. Hypostase Gottes natürlich keinesfalls auf das Wort Gottes zu beschränken, aber eben auch für den Menschen in Seiner Erfahrbarkeit und Gegenwart nicht von diesem zu trennen.

Der „Innewohnung“ des Geistes Gottes, als Erfüllung mit dem Wort Gottes auf der einen, steht auf der anderen Seite eine heidnisch anmutende Vereinigung Gottes mit dem Menschen (quasi eine Vergöttlichung) gegenüber.

Dabei lassen diverse Aussagen der Schrift deutlich werden, das die Begriffe „Geist“ und „Wort“ austauschbar verwandt werden:

Und berauscht euch nicht mit Wein, worin Ausschweifung ist, sondern werdet voller Geist (Eph.5,18)

Das Wort des Christus wohne reichlich in euch (Kol.3,16)

Der Geist wirkt durch bzw. ist selbst das Wort Gottes:

Nehmt auch den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist Gottes Wort! (Eph.6,17)

Man kann diese Liste ohne Probleme erweitern. Bereits das AT stellt diese Analogie klar und deutlich heraus:

Und ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres geben; und ich werde das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben. Und ich werde meinen Geist in euer Inneres geben; und ich werde machen, dass ihr in meinen Ordnungen lebt und meine Rechtsbestimmungen bewahrt und tut. (Hes.36,26f)

Sondern dies ist der Bund, den ich mit dem Haus Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht Jahwe: Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben. (Jer.31,33)

In Hesekiel wird von der Innewohnung des Gesetzes bzw. Wortes Gottes im Menschen; und analog dazu bei Jeremia von der Innewohnung des Geistes Gottes im Menschen gesprochen.

Auch in den Lehrbriefen existiert keine Lehre, nach der beispielsweise Gläubige unmittelbar-subjektivistisch geleitet werden, sondern vielmehr das Leitung, Ermahnung, Ermunterung etc. durch das Wort bzw. die Verkündigung oder gegenseitigen Zuspruch des Wortes zu erfahren ist.

Der Hebräerbrief bezeugt eindeutig, daß Gott vormals durch die Propheten und abschließend im Sohn geredet hat. Und diese Rede Christi wurde uns durch die Apostel, in deren apostolischen Lehre, das prophetische Wort überliefert.

Die oft anzutreffende Ansicht, Erfahrungen, subjektivistische Eindrücke (Visionen, Träume) oder gar Prophetien gleich welcher Art und Weise, gehörten zum Wirken des Heiligen Geistes, gehören grundsätzlich in die Kategorie der Schwärmerei und führen den Menschen weg vom Wort Gottes.

Schwärmerei beginnt nicht erst mit den Auswüchsen, welche beispielsweise die Berliner Erklärung richtiger Weise thematisiert hat, sondern bereits grundsätzlich in der Trennung von Wort und Geist. Dort wo die Geisteserfahrung subjektiviert, und erfahrungstheologisch gedeutet wird, der Geist zum Wort dazu kommen muss.

Das reformatorische Bekenntnis der Allgenugsamkeit (=sola scriptura), so wie er von den Reformatoren gemeint wurde, ist nicht nur als Ablehnung der Gleichrangigkeit kirchlicher Traditionen, sondern ebenso als schriftgemäße Erwiderung auf das Schwärmertum und dessen Ideen, einer wie auch immer gearteten Gottesunmittelbarkeit und Reden Gottes neben der Schrift zu verstehen.

Zugang zu und Umgang mit Gott in soteriologischer, aber auch pneumatologischer Hinsicht, existiert auf eine konkrete Weise: nämlich der Verkündigung Seines Wortes (1Kor1,18ff; Röm10,17) und dem daraus entstehenden Glauben, als Mittel der Aneignung des Heils und jeden Segens.

Gott hat abschließend in Seinem Sohn gesprochen, dies haben wir durch die im Wort überlieferte Lehre der Apostel im Wort Gottes vorliegen. Weder in übernatürlichen Erfahrungen, noch in philosophischen Erörterungen, sondern explizit im Umgang mit dem Wort Gottes, werden Gläubige mit dem Heilige Geist, dem Reden Gottes, Christus konfrontiert, erfüllt, ausgerüstet etc.pp.

Wenn es in der Schrift heißt: Christus, das Wort Gottes oder der Heilige Geist „in uns„, bedeutet dies letztlich keinen Unterschied, sondern eine untrennbare Einheit.

Die Schwärmer, welche die Schrift fahren lassen und nur zu unmittelbarer Offenbarung kommen wollen, zerstören alle Grundfesten der Frömmigkeit.
Wer die Schrift verwirft und sich dann irgendeinen Weg erträumt, um zu Gott zu kommen, der ist nicht eigentlich dem Irrtum, sondern der Raserei verfallen. So sind neuerdings einige Schwindelköpfe aufgetreten, die sich hochmütig für geisterfüllte Lehrer ausgeben — aber sie verachten alles Lesen der Schrift und machen sich über die Einfalt derer lustig, die nach ihrer Meinung an toten und tötenden Buchstaben hangen. Ich möchte nur fragen, was das denn für ein Geist sei, durch dessen Wehen sie so hoch daherfahren, daß sie die Lehre der Schrift als kindisch und unwesentlich zu verachten sich erkühnen! Sollten sie antworten, das sei Christi Geist, so ist das lächerliche Verblendung. Denn sie werden ja dann doch wohl zugeben, daß die Apostel Christi und die anderen Gläubigen in der Urkirche von keinem anderen Geiste erleuchtet gewesen sind. Aber dieser Geist hat keinen von ihnen die Verachtung des Wortes Gottes gelehrt, sondern sie haben nur größere Verehrung gelernt, wie ihre Schriften deutlichst bezeugen. So war es schon vom Propheten Jesaja vorhergesagt. Wenn er nämlich ausspricht: „Mein Geist, der in dir ist, und meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt habe, sollen nicht von deinem Munde weichen noch von dem Mund deines Samens ewiglich“ (Jes. 59,21), so bindet er das Volk des Alten Bundes nicht an eine äußerliche Lehre, als ob es noch in den Anfangsgründen steckte, nein, er lehrt, das werde das rechte und volle Heil der neuen Gemeinde unter der Herrschaft Christi sein, daß sie nicht weniger durch das Wort Gottes als durch den Geist regiert würde! Hier wird deutlich, daß jene Windbeutel in schändlichem Frevel auseinanderreißen, was der Prophet zu unverletzlicher Einheit verbunden hat.
(Calvin, Institutio 9,1)

Ausschließlich durch den Glauben (sola fide) an Christus (solus Christus) existiert Zugang dh. Rechtfertigung vor Gott und dieser Glaube kommt nur aus der Verkündigung des Wortes (sola scriptura). Dies geschieht allein auf Grundlage der freien Gnadenwahl Gottes (sola gratia), damit Gott allein die Ehre gebührt (soli deo gloria).

sdg
apologet

Ronald Senk: Wort Gottes & Heiliger Geist (Vortrag auf der 1.Betanienkonferenz)
[podcast]http://www.betanien.de/verlag/material/audio/BetanienKonf09_Senk.mp3[/podcast]
Bernhard Kaiser: Die Scheidung von Geist und Buchstabe in der Heiligen Schrift – ihr geistiger Hintergrund und ihre praktischen Folgen

NachfolgeBlog: Gott existiert durch sein Wort
ὁ λόγος
apologet: Verlustanzeige: Das verkündigte Wort
apologet: „Born again” – Wiedergeburt, was ist das?

Buchempfehlung:

Zachary T. Sweeney zeigt in seinem Buch „The Sprit and the Word“ etliche weitere eindeutige Punkte auf:

– Der Heilige Geist gibt Glauben – durch das Wort Gottes (Röm 10,17)
– Der Heilige Geist wirkt die Wiedergeburt – durch das Wort Gottes (1Petr 1,23)
– Der Heilige Geist erleuchtet –durch das Wort Gottes (1Petr 1,23)
– Der Heilige Geist gibt Weisheit – durch das Wort Gottes (2Tim 3,14-15)
– Der Heilige Geist wirkt die Bekehrung – durch das Wort Gottes (Ps 19,7)
– Der Heilige Geist öffnet Augen – durch das Wort Gottes (Ps 19,8)
– Der Heilige Geist gibt Verständnis – durch das Wort Gottes (Ps 119,104)
– Der Heilige Geist macht lebendig – durch das Wort Gottes (Ps 119,150)
– Der Heilige Geist rettet – durch das Wort Gottes (Jak 1,21)
– Der Heilige Geist heiligt – durch das Wort Gottes (1Petr 1,22)
– Der Heilige Geist reinigt – durch das Wort Gottes (Joh 15,3)
– Der Heilige Geist befreit von Sünde – durch das Wort Gottes (Joh 8,32)
– Der Heilige Geist gibt Anteil an der göttlichen Natur – durch das Wort Gottes (2Petr 1,4)
– Der Heilige Geist wirkt Auferbauung – durch das Wort Gottes (Apg 20,32)
– Der Heilige Geist gibt Kraft – durch das Wort Gottes (Röm 1,16; 1Kor 1,18)
– Der Heilige Geist wirkt im Gläubigen – durch das Wort Gottes (1Thes 2,13)
(Quelle: Betanien-Newsletter 24)

2 Kommentare

  1. Lieber Andreas,

    mit Deinen obigen Ausführungen stimme ich weitestgehend mit Dir überein, allerdings hätte ich diesbezüglich noch so einige Fragen an Dich:

    Du schreibst sozusagen als Kontrast zwei Sätze, die ich hier miteinander vergleichen möchte:

    „Der Heilige Geist ist als Person bzw. Hypostase Gottes natürlich keinesfalls auf das Wort Gottes zu beschränken, aber eben auch für den Menschen nicht von diesem zu trennen.“

    „Die oft anzutreffen Ansicht, subjektivistische Eindrücke (Visionen, Träume) oder Erfahrungen gleich welcher Art und Weise, gehörten zum Wirken des Heiligen Geistes, gehören grundsätzlich in die Kategorie der Schwärmerei und führen den Menschen weg vom Wort Gottes.“

    Der Heilige Geist sein Deiner Meinung nach nicht nur auf das Wort Gottes zu beschränken, jedoch aber auch nicht vom Wort Gottes durch den Menschen zu trennen.

    Dies ist für mein Empfinden richtig. Allerdings ist der Mensch auch gar nicht befähigt, das ganze Wort Gottes umfassend zu ergreifen, so dass es ja in der reformierten Theologie den Grundsatz „finitum non capax infiniti“ gibt, der zum so genannten Extra Calvinisticum gehört.

    Nach der Frage 48 des Heidelberger Katechismus wird beschrieben, dass die Gottheit unbegreiflich sei und allenthalben gegenwärtig ist. Und deshalb muss folgen, dass die Gottheit sowohl außerhalb ihrer angenommenen Menschheit als auch in derselben ist. Aus diesem Grunde stellt das Extra-Calvinisticum nur eine Kontroverslehre gegenüber der Ubiquitätslehre Luthers dar, denn nach der reformierten Theologie gibt es sowohl ein „außerhalb“ als auch ein „innerhalb“. Es ist richtig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass diese Lehren auf Jesus und auf das Abendmahl bezogen werden. Warum aber nicht auch auf die gläubigen Christen ?

    Jesus Christus ist für mich persönlich zur rechten Gottes u n d in mir !

    Wie macht sich aber dieses biblische Prinzip „Christus in mir“ bemerkbar?

    Nach 1. Korinther 13,12 erschließt sich für mich die Antwort auf diese Frage: ich werde erkennen, wie auch ich erkannt worden bin, d.h. für mich persönlich, dass ich es nicht nur weiß, dass ich den wahren Glaube besitze, sondern dass ich auch den wahren Glauben an mir bemerken kann.

    Dass nun „subjektivistische Eindrücke“ wie Visionen, Träume oder Erfahrungen in die Kategorie der Schwärmerei gehören, stimme ich auch hier mit Dir überein.

    Aber führen diese „subjektivistische Eindrücke“ den Menschen i m m e r vom Wort Gottes weg ? Mit dieser Frage habe ich nämlich so meine Probleme, insbesondere wenn es um die Frage nach der Gottesfurcht geht.

    In Römer 3,18 lesen wir bezüglich der Gottlosigkeit aller Menschen, dass keine Furcht vor ihren Augen sei. Darauf baut auch der Psalm 36,2. allerdings bemerken wir in 2. Mose 20,20, dass die Furcht Gottes „euch vor Augen sei, damit ihr nicht sündigt“.

    Mit der Darstellung, die Furcht sei vor den Augen, wird zumindest darauf hin gedeutet, dass die Furcht auf dem Gesicht sei. Demnach gebe es nach dem Wort Gottes zumindest eine sinnliche Erfahrung, die als subjektivistischer Eindruck gelten könnte.

    „Und anerkannt groß ist das Geheimnis der Gottesfurcht …“ (1. Timotheus 3,16), denn nahe ist mir derjenige, der mir Recht schafft (vgl. Jesaja 50,8). Richtig ist, dass der ganze Bau im Sinne von Epheser 2,21.22 eine Behausung Gottes im Geist darstellt, aber Gott ist es, der mir mein Gesicht hart macht (Jesaja 50,7; Hesekiel 3,8.9).

    Die Confessio Augustana bezeichnet dies u.a. im Artikel II wie folgt:

    „Weiter wird bei uns gelehrt, daß nach Adams Fall alle Menschen, die natürlich geboren werden, in Sünden empfangen und geboren werden, das ist, daß sie alle von Mutterleibe an voll böser Lust und Neigung sind und von Natur aus keine wahre Gottesfurcht und keinen wahren Glauben an Gott haben können: …“

    Vergleiche hierzu die Institutio von Johannes Calvin in: Inst I 4,2; Inst III 14,1.

    Nach CA II gibt es also „keine wahre Gottesfurcht“ für den natürlichen Menschen. Was bedeutet aber die Gottesfurcht für den an Jesus gläubigen Menschen, der den „wahren Glauben an Gott“ hat, wenn es nicht um den Standort der Gottesfurcht beim Menschen geht? Wäre dies nicht ein biblischer „subjektivistischer Eindruck“ einer menschlichen Erfahrung?

    Gnade und Frieden
    in Jesus

    Oliver

  2. Zum Extra-Calvinisticum gehört allerdings auch die u.a. Nr. 2 der reformierten Formel,

    1. Finitum non capax infiniti : Das Endliche kann das Unendliche nicht fassen;
    2. Infinitum capax finiti : Das Unendliche vermag aber das Endliche zu umfassen;

    so dass es eben beim biblischen Prinzip des „Christus in Dir“ Gott ist, der den endlichen Körper des Menschen erfasst, um sein Gesicht zu heben (vgl. 5. Mose 10,17) oder es hart zu machen (vgl. Jesaja 50,7, Hesekiel 3,8.9).

    Ich werte dies insbesondere als Gottesfurcht (vgl. Jesaja 50,8 mit 1. Timotheus 3,16), welche als Furcht vor den Augen des Menschen fungiert (vgl. 2. Mose 20,20), die aber zugleich das Recht Gottes darstellt (vgl. Jesaja 50,8 mit Jesaja 28,5.6; 30,18; Hesekiel 34,16), um den inneren und äußeren Kampf ans Tor der Gerechtigkeit zu drängen, denn der Herr wird zur Heldenkraft, weil man dadurch nicht beschämt wird, einen Rechtsstreit mit Menschen zu führen, zumal es der Herr ist, der einem nahe ist, um ihm Recht zu schaffen. Deshalb kann man sagen: „Wer ist mein Rechtsgegener? Er trete her zu mir!“

    „Siehe, der Herr, Herr hilft mir. Wer ist es, der mich schuldig erklären will? …“ (Jesaja 50,9).

    Wir Reformierte sollten daher aufhören, andere Menschen schlecht zu reden. Dagegen ist aber eine theologische Positionierung überaus wichtig, um aufzuzeigen, was man für richtig oder für falsch hält. Aus diesem Grunde erachte ich den obigen Beitrag von Andreas als richtig.

    Gnade und Frieden
    in Jesus

    Oliver

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.