Käßmann – Neujahrspredigt, oder Neujahrsrede?

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Die Neujahrspredigt der EKD-Vorsitzenden (vollständiger Text), Fr. Käßmann, stand und steht in der Kritik. Im Mittelpunkt dieser Kritik steht überwiegend ihre Äußerung zur militärischen und politischen Afghanistan-Strategie der Bundesregierung: „Nichts ist gut in Afghanistan“. Mein Kritikansatz ist ein anderer…

Ich meine: die Rede von Fr. Käßmann war überhaupt keine „Predigt“. Als Ausgangstext ihrer Rede wählte sie zwar mit der Jahreslosung einen biblischen Text:

Jesus Christus spricht: Euer Herz erschrecke nicht! Glaubet an Gott und glaubet an mich! Joh14:1

aber dem Anspruch einer Rede „Predigt“ zu sein, genügt nicht, lediglich einen Bibelvers zum Motto zu haben. Möglich wäre ohne Zweifel auch ein anderer Text z.B. nach dem liturgischen Kalenderjahr gewesen. Letztlich scheint der Bibeltext als solches hier jedoch offensichtlich keine entscheidende Rolle zu spielen, lediglich Aufhänger für die politische Botschaft „Nichts ist gut in Afghanistan“ zu sein.

Wodurch wird eine Rede zur Predigt? Welche Rahmenbedingungen, oder Elemente und vor allem, welche Inhalte machen eine Predigt unterscheidbar, zeichnen diese als Verkündigung aus? Ein paar kurze Gedanken dazu:

A. Äußere Rahmenbedingungen
Eine Predigt unterscheidet sich äußerlich primär dadurch von anderen Vortragsarten, das diese geistlich-sakraler und öffentlich-kirchlicher Natur d.h. gottesdienstliche Rede ist. Nach reformatorischem Verständnis konstituiert sich Kirche hauptsächlich in und durch die Predigt.

“Wo auch immer wir das Wort Gottes unverfälscht gepredigt und gehört, die Sakramente gemäß der Einsetzung Christi ausgerichtet sehen, dürfen wir nicht zweifeln, dass dort eine Kirche Gottes existiert.” Johannes Calvin, Institutio, Buch IV.1.9.

Ein weiterer Aspekt ist das Lehramt. Auch wenn nicht selten – insbesondere in der evangelikalen Bewegung – das allgemeine Priestertum spiritualistisch missverstanden wird, kennt die Schrift selbstverständlich besonders berufene Lehrer.

Es muss hier der Satz gewagt werden, dass die Schrift wesentlich dem Predigtamt zugehört, der Gemeinde aber die Predigt. Die Schrift will ausgelegt und gepredigt sein. Sie ist ihrem Wesen nach nicht ein Erbauungsbuch der Gemeinde. Der ausgelegte Predigttext gehört der Gemeinde und von ihm aus gibt es ein:»Suchen in der Schrift, ob es sich also verhält«, (Akta 17) wie die Predigt es verkündigt hat, gibt es also im Grenzfall die Notwendigkeit des Widerspruchs gegen die Predigt aufgrund der Heiligen Schrift. D. Bonhoeffer

Damit sich nun also unruhige und aufrührerische Menschen nicht ohne Grund eindrängen, um zu lehren oder zu regieren – was sonst geschehen würde – , so ist ausdrücklich verboten, dass sich jemand ohne Berufung ein öffentliches Amt in der Kirche aneignet. Will also jemand als wahrer Diener der Kirche angesehen werden, so muss er zuerst rechtmäßig berufen (rite vocatus) sein, ferner muss er aber auch seiner Berufung entsprechen, das heisst: er muss die ihm übertragenen Aufgaben anfassen und ausführen Institutio IV,3,10

Predigt ist von Kirche und ordinierten Lehrern nicht trennbar. Womit über die innere Gestaltung der jeweiligen Predigt noch lange nichts gesagt ist. Sowohl private Reden, wie auch allgemeine öffentliche Reden über Gott sind aber nicht allein schon um des religiösen Inhalts wegen „Predigt“ zu nennen. Im Lehr- bzw. Predigtamt findet letztlich das Prophetenamt seine Fortsetzung und Entsprechung (vgl. Institutio IV,3,4-9).

B. Predigtelemente
Als wesentliche Elemente einer Predigt wären

  • der biblische Text selbst,
  • die Auslegung und
  • die Anwendung zu nennen.

Diese Bestandteile liegen prinzipiell jeglicher Predigtart zugrunde.

In seiner klassischen Form ist die Predigt, eine Auslegungspredigt (Homilie). Hier spielt der Bibeltext die Hauptrolle, welcher aus dem Kontext heraus, fortlaufend ausgelegt und auf die jeweilige Situation bzw. den Anlass Anwendung findet.

„Und sie lasen aus dem Buch, aus dem Gesetz Gottes, abschnittsweise vor, und gaben den Sinn an, so dass man das Vorgelesene verstehen konnte“ (Neh 8,8)

Als weiteres ist die katechetische Predigt zu nennen. Unter Zuhilfenahme eines Katechismus, konfessioneller Bekenntnisse bzw. des liturgischen Kalenders wird das Evangelium zusammenhängend und systematisch verkündigt.

Die wohl häufigst anzutreffende Predigtart, ist die Themenpredigt. Auf Grundlage einer Themenstellung werden vereinzelte Bibeltexte zur Begründung einer Argumentation herangezogen.

Wie deutlich zu erkennen, sind in allen Arten die vorgenannten Elemente (Text, Auslegung, Anwendung) durchaus vorhanden, jedoch in unterschiedlicher Reihenfolge und Gewichtung. Auch wenn Themenpredigten ohne Zweifel ihre Berechtigung haben, stehen diese stärker in Gefahr vorgefasste Meinungen in die Schrift hineinzulegen, als es bei Auslegungspredigten der Fall ist.

C. Predigtinhalt
Inhalt und Grundlage einer Rede, die sich Predigt nennt, ist ausnahmslos das Wort Gottes, das Evangelium! Man möchte meinen, von erkennbaren Irrlehren einmal abgesehen, das jedem deutlich ist, was damit gemeint ist, jedoch stellt man in Diskussionen fest, das dem nicht so ist.
Untersucht man das NT darauf, was es mit dem Evangelium auf sich hat, wie es sogar konkret bezeichnet wird, stellt man fest, das es nahezu vollständig als das Evangelium Gottes bzw. des Sohnes, Jesu Christi, oder des Reiches genannt wird.

Nicht der Mensch oder die Welt steht im Mittelpunkt, sondern Gott! Sein Sohn, die Herrlichkeit Gottes, Sein Reich, Seine Herrschaft und Sein Frieden!

Und ich, als ich zu euch kam, Brüder, kam nicht, um euch mit Vortrefflichkeit der Rede oder Weisheit das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich nahm mir vor, nichts anderes unter euch zu wissen als nur Jesus Christus, und ihn als gekreuzigt. Und ich war bei euch in Schwachheit und mit Furcht und in vielem Zittern;  und meine Rede und meine Predigt bestand nicht in überredenden Worten der Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft beruhe. 1Kor1,1-5

Fazit
Kommen wir zurück auf die Neujahrspredigt der EKD-Vorsitzenden Käßmann, die exemplarisch für viele sogenannten „Predigten“ steht. Hört oder liest man diese unter Berücksichtigung der vorgenannten Erwägungen, muss man konstatieren, daß diese zwar den äußeren Rahmen einer Predigt besitzt, formal sogar die wesentlichen Elemente enthält, jedoch inhaltlich den Anspruch nahezu vollständig verfehlt bzw. nicht erfüllt.

Der Mensch mit seinen Bedürfnissen, der äußere, menschliche Friede untereinander steht in Mittelpunkt dieser Neujahrsrede. Ja, Gott und sogar der Auferstandene Christus werden durchaus  – beiläufig – erwähnt, spielen jedoch nur als Nebenfiguren eine Rolle, als Erfüllungsgehilfen für eine gerechtere, friedvollere Welt.

Einer Welt, welcher dieser diesseitigen Philosophie folgend nur Veränderung, keine Erlösung und somit auch keinen Erlöser braucht. Christus sagt jedoch:

„Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ und im Kontext des Redenmotto’s: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ Joh14:27

Eine solche Rede ist keine Predigt. Das eigentliche Problem ist nicht der Krieg in Afghanistan, sondern der Unfrieden des Menschen mit Gott. Aber dies erwähnt Fr. Käßmann nicht mit einem Wort.

„Wenn wir das Evangelium verkündigen, sollten wir uns nicht als Vertreter für Öffentlichkeitsarbeit betrachten, die ein gutes Einvernehmen zwischen Christus und der Welt schaffen wollen. Wir sollten uns nicht als Personen betrachten, die Christus für die Wirtschaft, die Presse, die Welt des Sports oder das moderne Bildungswesen akzeptabel machen. Wir sind keine Diplomaten, sondern Propheten, und unsere Botschaft besteht nicht aus einem Kompromiss, sondern aus einem Ultimatum.“ A. W. Tozer

„Nichts ist gut in Afghanistan?“ Es muß heißen: Nichts ist gut zwischen Mensch und Gott!

sdg
apologet

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2 Kommentare

  1. Die Predigt von Frau Käsemann strotzt nur so von Naivität.
    Deine Kritik ist schon fast eine Aufwertung. Bitte versteh mich nicht falsch.
    Es ist halt Mainstream
    Das, was uns Medien einreden, was normal und erstrebenswert ist.

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