„Geistestaufe“ und die Lehre „vom reinen Herzen“

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Innerhalb des Christentums vertritt die Pfingstbewegung bis heute eine vom orthodoxen Verständnis abweichende Pneumatologie. Eine – von vielen – Fragen dabei wäre jene, ob ein entscheidender Unterschied zwischen der aktuellen und der klassischen Lehre bezüglich der Geistestaufe existiert?

Bei der Beantwortung dieser Frage gilt zu klären, was unter der „klassischen Lehransicht“ der Pfingstbewegung hinsichtlich der sogenannten „Geistestaufe“ zu verstehen ist bzw. welchen Ursprung diese hat.

I. Aktuelles BFP-Lehrverständnis: „Azusa Street“ (USA, 1906), das „Welch Revival“ (Europa, 1904/05) bzw. die „Gnadauer Pfingstkonferenz“ (Kassel, 1907) stehen für die klassische Pfingstbewegung. Die dort vertretenen Lehren sind das Fundament, die Basis des heute vertretenen Lehrverständnisses bezüglich der sogenannten „Geistestaufe“.

Es mag zwischenzeitlich durchaus Revidierungen, Änderungen bzw. Abschwächungen gegeben haben, aber es ist unmoglich das Fundament eines Hauses zu entfernen und zu meinen, das Dach bliebe davon unbeschadet. Zumeist sind es zudem vordergründige Umformulierungen.

Aber wir glauben nicht, dass der Christ durch die Geistestaufe eine höhere Stufe einnimmt und auf andere herabschauen kann. Er ist auf dem Weg der Gnade einen Schritt weitergegangen. Er hat eine neue wichtige Erfahrung gemacht, durch die ihm Christus größer und sein Christenleben vertieft und bevollmächtigt wird. Reinhold Ulonska über die Geistestaufe, (R.U. war über 25 Jahre Präses des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP))

Zwar distanziert man sich semantisch von einer Zwei- oder Dreistufen-Lehre, spricht dann jedoch von „Schritten“, „Vertiefung“ und einer „Bevollmächtigung“. Nichts anderes meinten die Väter dieser Lehre.

II. Historische Fakten: Tatsache ist – und damit kommen wir zu dem nachweisbaren Ursprung – das eine „zwei Stufen Lehre“, eine notwendige, zweite geistliche Erfahrung neben bzw. nach der Wiedergeburt, die sogenannte ,,Geistestaufe“, von Anfang an Bestandteil der klassischen Pfingstlehre gewesen ist.

Zwar gibt es nach – nennen wir es mal – extremen ,,Entwicklungen“ immer wieder auch gegenläufige Tendenzen, diese äindern jedoch nichts an der grundsatzlichen Basis bzw. Ausrichtung und den sich daraus logisch und praktisch ergebenen Konsequenzen, dieser bis heute vertretenen Lehre.

Denn, welcher Pfingstler (oder auch Charismatiker) könnte aus Uberzeugung die Ansicht vertreten, die ,,Geistestaufe“ ware nicht wirklich notwendig, lediglich ein Bonus; Christen, welche diese nicht erführen, ständen in gleicher geistlicher Beziehung vor Gott, hatten dieselbe geistliche Ausrüstung, waren gleichermaßen befähigt Gott zu dienen, anzubeten etc.? Eine solche Ansicht wurde die eigene Position vollständig untergraben bzw. delegitimieren.

Die Pfingstbewegung steht in unmittelbarer Kontinuität zur Heiligungsbewegung und hat von dieser auch die in dieser Thematik entscheidenden geistliche Impulse mitbekommen und weiterentwickelt.

Hier von Relevanz, der „Perfektionismus“ d.h. der Lehre, das ein Christ den Zustand der ,,Sündlosigkeit“, einer „höheren Stufe“ des Christseins (Wesley ,1767; Finney, 1836) erreichen könne. Hier taucht auch zum ersten mal der Begriff der ,,Geistestaufe“ auf (Palmer, Lankford, 1835; Boardman, 1859), durch welche man diesen Zustand erreichen können solle..

Mit der Keswick-Bewegung kam die Lehre der „Geistestaufe“ nach Europa (Pearsall, 1874) und kurze Zeit spater dann in die ganze Welt (Moddy, Hudson Taylor, Torrey). Nach Deutschland kam diese Lehre über Teilnehmer an den Keswick-Konferenzen (1874/75) in England. Vertreter der Gemeinschaftsbewegung und fast aller Freikirchen waren dort (Elias Schrenk, Gustav Warneck etc.) und man erwartete für Deutschland „ein neues Pfingsten“. Der Gnadauer Verband ist von Gründung an (1888) mit diesem Lehrgut vertraut.

Die Erweckung (ca. 100.000 Bekehrte) in Wales, dem „Welsh Revival“, stand vollständig unter dem Einfluß der neuen Botschaft der „Geistestaufe“ (R.A. Torrey; Evan Roberts, 1904/05). Fast alle bisher genannten Vertreter der deutschen Heiligungsbewegung fuhren dorthin, um diesen zweiten Segen zu erfahren (man fühlt sich an Toronto erinnert). Außer Jonathan Paul, der dies nach eigenen Angaben bereits erlebt hatte. Aber auch dieser sah hier ein neues Pfingsten mit Heilungen, Geistestaufe und nun auch Zeichengaben.

Mit der Erweckung in der „Azusa Street“ (1906) verbindet man dann landläufig die eigentliche Entstehung der Pfingstbewegung (siehe Hundertjahrfeier 2006). Jedoch reichen deren Wurzeln, in der Heiligungs- und auch Heilungsbewegung, wesentlich weiter (1875) zurück. Von dort aus verbreitete sich zusätzlich etwas völlig neues: „die Zungenrede“ über Norwegen nach Deutschland.

Die Zungenbewegung brach auf der Gnadauer Pfingstkonferenz (Dallmeyer, 1907 in Kassel) in Deutschland durch. Auch der Evangelist Heinrich Dallmeyer verband die Geistestaufe mit der Lehre des „reinen Herzens“ und nun zusätzlich mit körperlicher Heilung und der Zungenrede.

ln der weiteren Folge kam es in den Versammlungen zu den uns heute allseits bekannten Phänomenen der Pfingst- und charismatischen Bewegung: Zungenrede, Weissagungen, Zittern, Umfallen, Geschrei, Dämonenaustreibungen etc. pp.

III. Schlussfolgerung: Soweit zu den historisch-geistlichen Wurzeln der Lehre der sogenannten ,,Geistestaufe“ und der damit im Zusammenhang stehenden ,,Zungenrede“. Wirft man einen Blick in die Berliner Erklärung, sieht man, das sich diese hauptsächlich – neben den genannten ,,Phänomenen“ – gegen die damit verbundene Lehre ,,vom reinen Herzen“ wandte, eben jenem ,,Perfektionismus“ der Heiligungsbewegung.

lnsofern stellt die Berliner Erklärung auch eine späte Selbstkritik der eigenen Bewegung dar.

Zumindest der Evangelist Jonathan Paul, der Vater der deutschen Pfingstbewegung wird den heutigen Pfingstlern ein Begriff sein. Dieser lehrte – stellvertretend für viele in der neuen Bewegung (Eugen Edek Otto Stockmayer etc.) – daß Jesus nicht in jedem Gläubigen wohne, sondern nur in den ganz „Geheiligten“. Den Unterschied macht – wie man sich denken kann – die „Geistestaufe“.

Die klassische Pfingstbewegung verstand unter „Heiligung“ somit die realisierbare Möglichkeit eines vollkommen sündlosen Lebens d.h. einer qualitativ notwendigen Steigerung der bloßen Rechtfertigung, zu der man Zugang durch die Erfahrung der „Geistestaufe“, dem „zweiten Segen“ erhielt. Das „Zungenreden“ galt als Beweis der Erfahrung der sogenannten „Geistestaufe“ (Zungenbewegung und Perfektionismus waren ab 1907 zwei Seiten einer Medaille. Dr. Stefan Holthaus, Zur Entstehung der Berliner Erklärung von 1909).

Das mag in dieser Konsequenz heute nicht mehr in den Gemeinden der Pfingstbewegung gelehrt werden bzw. der Zusammenhang vergessen worden sein, bleibt aber erstens nachweislich die klassische Pfingstlehre, und zweitens – wenn auch unausgesprochen und wie man feststellen muß den meisten Pfingstlern unbekannt – tatsächlicher theologischer Ursprung auch der aktuellen pfingstlichen Lehre der Geistestaufe.

Das, was heute allgemein gelehrt wird, ist lediglich ein nachträglich-biblischer Rechtfertigungsversuch, persönlich-spiritueller Erfahrungen innerhalb eines geschichtlich gewachsenen, religiösen Kontextes dar. Man hat sich zwar mehr oder weniger von der theologischen Basis getrennt, will aber von der emotional-religiösen Erfahrung nicht lassen.

Das Dach schwebt in der Luft…

Die Lehre der „Geistestaufe“ kann – wie ich kurz umrissen habe – weder losgelöst von deren historischen Entstehung verstanden, noch auf das aktuelle Verständnis des kleinen deutschen BFP oder deren Vertreter (und seien einzelne noch so bekannt und sympathisch) innerhalb dieser weltweiten, heterogenen Bewegung verkürzt werden.

sdg
apologet

3 Kommentare

  1. Über die Geistestaufe wird schon lange gestritten, über den Namen und über das Geschehen. Wenn zwei Theologen zusammen sind gibt es 3 oder mehr Meinungen, wenn Brüder in Christus zusammen sind, ist man sich meist einig, bzw. gibt es nur geringe Unterschiede, die das ganze nicht in Frage stellen.

    Bei Matthäus 3, 11 und Johannes 1,33 wird uns von Johannes dem Täufer berichtet, dass er im Hinblick auf Jesus sagt, dass dieser mit dem heiligen Geist und mit Feuer tauft, während er nur mit Wasser getauft hat.

    Jesus selbst sagt seinen Jüngern kurz vor seiner Himmelfahrt, dass sie in kurzer Zeit mit dem Heiligen Geist erfüllt werden(Apg 1, 5). In Apg 2, 1-4 erfüllt sich die Verheißung Jesu.
    In Samarien wurden Menschen auf den Namen Jesu getauft, ohne mit dem Heiligen Geist in Berührung gekommen zu sein. Erst als Petrus und Johannes für sie beten und ihnen die Hände auflegen, werden sie mit dem Heiligen Geist erfüllt oder getauft(Apg 8, 14ff). Sie merkten es, das der Heilige Geist zu ihnen gekommen war.

    Bei Kornelius und seiner Familie war es etwas anders. Sie waren Heiden und Petrus hätte nie für sie um die Gabe des Heiligen Geistes gebeten, so kam der Heilige Geist dem Petrus zuvor und erfüllte die Wartenden mit sich selbst(Apg 10, 44 – 46).

    Im Brief an die Galater fragt Paulus die Adressaten, wie sie denn den Heiligen Geist empfangen hätten, aus Gesetzeswerken oder durch Glauben. Die Galater wussten, dass sie den Heiligen Geist durch Glauben empfangen hatten und er da war(Gal 3, 2). im Vers 14 geht es dann weiter, dass der Segen Abrahams in Christus Jesus zu den Nationen gelange und sie der Verheißung des Heiligen Geistes teihaftig werden.

    So ist aus den Worten der Heiligen Schrift ganz klar ablesbar, dass der Heilige Geist in einen Menschen einzieht und dieser es auch merkt und weiss, das er jetzt da ist. Paulus erinnert die Gläubigen daran in dem er sagt: Wisst ihr nicht, dass euer Körper ein Tempel des Heiligen Geistes ist?

    Wer heute nach dem Heiligen Geist fragt und wissen will, wie er in einen Menschen einzieht, der hat ihn noch nicht empfangen. Denn Gott stülpt uns nichts über. Er gibt, wenn wir dazu bereit sind, dann aber auch mehr als wir erbeten haben, ein überfließendes und gerütteltes Maß. Jesus sagt es selbst über das Bitten, wenn ihr euern Kindern gute Gaben geben könnt, wieviel mehr wird euch der Vater den Heiligen Geist geben, wenn ihr ihn darum bittet. Und Jakobus fügt hinzu: Hier habt nicht, weil ihr nicht bittet!
    So liegt der Mangel am Heiligen Geist nicht bei Gott, sondern bei uns, weil wir uns nicht danach ausstrecken. Befolgen wir doch die Anweisungen des Paulus in 1. Korither 14 und strecken uns nach den Geistesgaben aus. Wer bittet, der empfängt, dies ist eine der Verheißungen, die uns Jesus gegeben hat.

    Also nicht streiten über den Heiligen Geist und allem was damit zusammen hängt, sondern den Vater bitten. Er ist der Geber aller vollkommenen Gaben.

  2. Hallo,
    die Trennung von Wiedergeburt und Geisttaufe ist kirchengeschichtlich eine sehr junge Erscheinung, von welcher zudem weder die ersten Christen, noch die meisten heute lebenden Christen etwas wissen. „Streit“ wird von denen verursacht, welche den Gläubigen absprechen, bereits mit jedem geistlichen Segen durch Christus gesegnet zu sein.
    sdg
    apologet

  3. Ehrlich gesagt, wenn ich mir den Zustand der Christen in der westlichen Welt anschaue (meinen eigenen eingeschlossen), dann finde ich die Kraft des Heiligen Geistes dringend nötig. Davon auszugehen, dass wir bereits alles haben, erscheint mir ziemlich realitätsfremd.

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