Ein Plädoyer für Bekenntisse

Veröffentlicht von

von Pfarrer Ron Hanko
(leicht abgewandelte Form des gleichnamigen Artikels1 im British Reformed Journal, Ausgabe 21, Januar-März 1998)

Bekenntnis oder Chaos

Es gibt von einer recht bekannten britischen Autorin einen Aufsatz mit dem Titel „Bekenntnis oder Chaos“.2 Zwar stimme ich nur teilweise mit dem Inhalt dieses Aufsatzes überein, der Titel beschreibt jedoch sehr treffend die Bedeutung der historischen Bekenntnisse für die Gemeinde. Ich bin davon überzeugt, dass ohne die Bekenntnisse das Chaos in der Gemeinde herrscht. Die Geschichte hat dies insbesondere in diesem Jahrhundert gezeigt. Immer dann, wenn die Gemeinde auf Bekenntnisse verzichtet oder sich nicht mehr an sie hält, zieht das Chaos in die Gemeinde ein. Sei es durch Änderungen in der Lehre, geistliche Ignoranz oder Weltlichkeit.

Manche haben dies erkannt und sind zu den Bekenntnissen zurückgekehrt, wofür ich sehr dankbar bin. Andere jedoch halten nach wie vor nicht viel von Bekenntnissen. Speziell ihnen soll in diesem Artikel die Notwendigkeit und die biblische Begründung für Bekenntnisse nahe gebracht werden.

Zunächst wollen wir die biblische Grundlage für die Bekenntnisse erarbeiten. Dann wollen wir uns mit den Einwänden gegen die Verwendung von Bekenntnissen beschäftigen. Am Schluss, wenn die Notwendigkeit für die Verwendung von Bekenntnissen erarbeitet und gegen Einwände verteidigt wurde, betrachten wir einige spezielle Anwendungsfälle für Bekenntnisse. Denn wenn sie zwar vorhanden sind, der Inhalt jedoch unbekannt ist und sie nicht verwendet werden, haben sie auch keinen Wert.

Den Glauben bekennen

Um zu erkennen, dass der Gebrauch von Bekenntnissen biblisch ist, müssen wir uns die Herkunft des Wortes „Bekenntnis“ ansehen: Es hat seine Wurzeln in dem lateinischen Wort „credo“, was soviel bedeutet, wie „Ich glaube“. Das zeigt uns, was Bekenntnisse eigentlich sind. Sie sind ein Ausdruck des Glaubens, der in den Herzen von Gottes Volks lebt. In den Bekenntnissen bringen Gläubige (meist in Form einer Versammlung) dem Rest der Welt gegenüber zum Ausdruck, was das Wort Gottes ihrer Ansicht nach lehrt. Bekenntnisse existieren also nicht unabhängig von oder gar in Konkurrenz zur Schrift, sondern geben das wieder, was in der Schrift an Lehre zu finden ist. Und diese Lehren werden dann durch ein Bekenntnis ausformuliert und bekannt.

Somit ist das Formulieren von Bekenntnissen eigentlich nichts anderes, als einer Aufforderung der Schrift nachzukommen: Und zwar der Aufforderung, unseren Glauben zu bekennen. Deswegen kommt das Wort „Bekenntnis“ auch von „bekennen“. Das ist der erste biblische Grund, Bekenntnisse zu haben und zu verwenden.

Es gibt eine Vielzahl von Schriftstellen, die die Gläubigen dazu aufrufen, ihren Glauben zu bekennen. In Matthäus 10,32 macht dies Jesus mit den Worten deutlich: „Jeder nun, der sich zu mir bekennt vor den Menschen, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater im Himmel“ Römer 10,9.10 bringt das Bekenntnis zu Christus sogar mit der Errettung in Verbindung: „Denn wenn du mit deinem Mund Jesus als den Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet. Denn mit dem Herzen glaubt man, um gerecht zu werden, und mit dem Mund bekennt man, um gerettet zu werden; denn die Schrift spricht: »Jeder, der an ihn glaubt, wird nicht zuschanden werden!«“

Wenn Gläubige ihren Glauben in Bekenntnissen zum Ausdruck bringen, tun sie eigentlich nichts anderes wie Nathanael, wenn er sagt: „ Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel!“ (Johannes 1,49). Ebenso bekannte Petrus: „Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!“ (Matthäus 16,16). Wenn Gläubige also Bekenntnisse formulieren, tun sie damit nichts anderes, als die Schrift selbst, wenn sie uns die Bekenntnisse von Nathanael und Paulus überliefert.

Ebenso ist klar, dass Bekenntnisse keine Einzelmeinung, sondern der Ausdruck des Glaubens vieler Gläubigen wiedergeben sollen. In Römer 15,6 betet der Apostel Paulus, dass die Mitglieder der Gemeinde in Rom einmütig, mit einem Mund den Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus loben. In 1. Korinther 1,10 werden die Gläubigen aufgefordert, einmütig zu sein in ihrem Reden. Aus dem Zusammenhang (Vers 2) wird deutlich, dass sie bekennen sollen „samt allen, die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen an jedem Ort, sowohl bei ihnen als auch bei uns“. Mir scheint, dass so etwas nur durch Bekenntnisse bewerkstelligt werden kann.3

Genau so werden Bekenntnisse auch von ihren Verfassern verteidigt. Im Vorwort zu seinem „Bekenntnis“ schreibt John Knox z.B. „Für uns besteht kein Zweifel daran, dass derjenige, der Jesus Christus verleugnet, oder sich Seiner schämt, dereinst vor dem Vater und seien heiligen Engeln verleugnet werden wird.“4

Es geht einfach nicht ohne Bekenntnisse. Jeder Gläubige hat eine bestimmte Vorstellung davon, was das Wort Gottes lehrt. Und weil dieser Glaube ihm wichtig ist, bekennt er ihn. Wenn er Christus und Sein Wort liebt kann er ja auch gar nicht anders. Jeder Gläubige und jede Gemeinde hat deswegen ein Bekenntnis, ob es nun niedergeschrieben ist oder nur in den Köpfen existiert. Selbst in denjenigen Gemeinden, die Bekenntnisse ablehnen, gibt es eine stillschweigende Übereinkunft über bestimmte Lehren. Diese „ungeschriebenen Regeln“ gelten dann dort genau so wie schriftliche Bekenntnisse in anderen Gemeinden.

Gerade diejenigen Gemeinden, die das Motto „Kein Bekenntnis

– Nur die Schrift allein!“ haben, finden sich sehr bald in folgender Situation wieder: Dadurch, dass sie kein offizielles, ausformuliertes und niedergeschriebene Bekenntnis haben, müssen die Gläubigen nicht nur über Christus, sondern auch über sehr viele andere Dinge stillschweigend übereinstimmen. Entsprechend kommen sie leicht in Schwierigkeiten, wenn man sie z.B fragt: „Welchen Christus bekennt Ihr? Den Christus der Liberalen, der nur ein nachahmenswertes Beispiel für die Gläubigen ist und der sein Blut nicht für sie vergossen hat? Oder den Christus der Mormonen, der Juden oder der römisch-katholischen Kirche?“ Zum Glück enthalten ihre ungeschriebenen Bekenntnisse gesunde biblische Lehre bezüglich Christus und Sein Werk.

Auch kann man feststellen, dass ihr ungeschriebenes Bekenntnis oft wesentlich mehr umfasst als die Lehre von Christus. Obwohl sie offiziell keine schriftlichen Bekenntnisse haben und dem bereits genannten Motto „Kein Bekenntnis

– Nur die Schrift allein!“ folgen, stimmen Theorie und Praxis bei ihnen nicht wirklich überein. Wenn man z.B. versucht, diesen Gläubigen die Lehre der Erwählung oder die der begrenzten Sühne nahe zu bringen, wird man freundlich aber bestimmt darauf hingewiesen, dass „man so etwas hier nicht glaubt“. Sprich: „Das passt nicht mit unserem Bekenntnis zusammen“. Wenn man gar um eine Kindertaufe bittet, wird man in den meisten dieser Gemeinden mit den Worten nach draußen begleitet: „Wir taufen hier keine Kinder.“

Das Werk des Geistes in der Gemeinde

Der zweite Grund für die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Bekenntnissen geht auf Johannes 16,13 zurück. Dort verspricht Jesus: „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.“ Dieses Versprechen Jesu wird dadurch eingelöst, dass der Heilige Geist dem Volk Gottes die Fähigkeit gibt, Sein Wort zu verstehen.

Die Bekenntnisse sind eine Frucht des Werkes des Geistes. Wer abstreitet, dass die Bekenntnisse Nutzen bringen und ihren Platz in der Gemeinde haben, streitet damit auch ab, dass der Geist der Wahrheit in der Vergangenheit gewirkt hat und bis heute in der Gemeinde wirkt. Zumindest wird damit bestritten, dass das Werk des Geistes heute noch irgend eine Bedeutung hat. Damit trennt die Gemeinde jedoch ihre Verbindung zu der Gemeinde der Vergangenheit und verleugnet so die fundamentale Einheit der Gemeinde durch alle Zeitalter hindurch. Das ist die große Schwäche der Gemeinde heutztage: Sie hat keine Verbindung zur Vergangenheit. Sie weiß nichts mehr von der Geschichte und den Lektionen der Vergangenheit, nichts mehr von all den den Kämpfen, die die Gemeinde austragen musste und nichts mehr von Gottes Treue zu Seiner Gemeinde durch alle Zeitalter hindurch. Sie versucht, allein auf weiter Flur gegen die Mächte der Finsternis zu bestehen, statt sich wie in Hoheslied 6,10 als Teil der „Heerscharen mit Kriegsbannern“ zu betrachten, „schön wie der Mond“ und „klar wie die Sonne“.

Das Problem besteht vor allem auch darin, dass die Gemeinde mit ihrer Loslösung von der Gemeinde der Vergangenheit in etwa folgendes zum Ausdruck bringt: „Jede Generation muss von vorne anfangen und die Wahrheit der Schrift von Grund auf neu entdecken!“ Das stellt sich jedoch schnell als unlösbare Aufgabe heraus. In der Folge wird diese Aufgabe nicht weiter verfolgt, so dass tatsächlich nur wenig Wahrheit entdeckt wird. Oder man verbringt so viel Zeit mit dieser Aufgabe, dass für andere Dinge keine Zeit mehr bleibt.

Der presbyterianische Autor G. I. Williams drückte es einmal treffend aus:

„Die Bibel hat eine sehr hohe Informationsdichte. Es ist nicht einfach, sich das alles anzueignen und bisher hat das auch noch niemand geschafft. Es wäre daher töricht von uns, das trotzdem zu versuchen und nochmal ganz von vorne anzufangen. Wir würden damit all die Zeit und Mühe ignorieren, die seit Jahrhunderten in das Studium der Schrift investiert wurde. Genau deshalb haben wir Bekenntnisse. Sie sind das Resultat von Jahrhunderten des Bibelstudiums durch eine Vielzahl von Gläubigen. Sie sind im Bezug auf die Lehren der Schrift eine Art „geistlicher Straßenkarte“, die sich bereits in vielen Fällen bewährt hat. Außerdem: Ist das nicht das, was Jesus versprochen hat? Kurz bevor Er Sein Werk auf der Erde vollendet hat, versprach Er Seinen Jüngern: „Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, so wird er euch in die ganze Wahrheit leiten“ (Johannes 16,13). Und Christus hielt sein Versprechen. Am Pfingsttag sandte Er Seinen Geist um in Seinem Volk zu wohnen. Der Heilige Geist wurde ausgegossen – und zwar nicht auf einzelne Personen, sondern auf die Gesamtheit der Gläubigen (vgl. Apostelgeschichte 2). Und seit diesem Tag bis heute gibt Er Seiner Kirche das Verständnis der Schrift. Es verwundert daher nicht, dass die Gemeinde sich seit jeher Bekenntnissen bediente.“

Und weiter:

„Hier sehen wir eines der wichtigsten Kennzeichen eines Bekenntnisses, das mit der Wahrheit der Schrift übereinstimmt: Es bleibt durch die Jahrhunderte hindurch wahr. Es muss nicht ständig an die Zeit jeder Generation angepasst werden, weil seine Aussagen zeitlos wahr sind. Damit verbindet ein wahres Bekenntnis die Generationen durch die Zeitalter hindurch. Es erinnert uns daran, dass die Gemeinde Christi nicht an ein bestimmtes Zeitalter oder einen bestimmten Ort gebunden ist. Mit anderen Worten: Der Glauben der Christen durch alle Zeitalter hindurch war immer derselbe. Wenn wir unseren Glauben bekennen, ist dies der gleiche Glaube wird der aller Gläubigen, die vor uns gelebt haben. Zeigt uns das nicht, dass es nur einen wahren Herrn und einen wahren Glauben gibt?“5

Die Bedeutung der Lehre

Der dritte Grund für die Verwendung von Bekenntnissen bezieht sich auf 2. Timotheus, 3,16.17: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.“ Wichtig ist hier der Bezug auf die Lehre.

Wenn man Lehre definiert als die systematische Darstellung der Wahrheiten der Schrift und ihr Verhältnis zueinander, ist die Schrift selbst – strenggenommen – noch keine Lehre. Das ergibt sich indirekt aus 2. Timotheus 3,16, wo es heißt, dass die Schrift nützlich ist zur Belehrung. Auch sollte uns nicht entgehen, dass die Verwendung der Schrift zur Belehrung hier als Erstes genannt wird. Bekenntnisse sind nichts anderes als Lehre. Sie fügen alle Aussagen der Schrift bezüglich eines bestimmten Themas zu einer einheitlichen Lehraussage zusammen und zeigen dann, wie sich diese Lehre zu anderen Lehren verhält. Bekenntnisse sind also eine Zusammenstellung von Aussagen, die unter Gläubigen unstreitig sind (vgl auch Lukas 1,1). Damit ist klar, dass der Widerstand gegen die Verwendung von Bekenntnissen zu einem großen Teil auf die heutzutage verbreitete Ablehnung von Lehre zurückgeht. Trotz Stellen wie 2. Timotheus 3,16.17 wird die Lehre weder weitergegeben noch besteht überhaupt Interesse an ihr. Entsprechend werden auch die Bekenntnisse, die ja nichts anderes als Lehre sind, entweder gering geschätzt oder gänzlich ignoriert.

Wenn die Schrift nützlich zur Belehrung ist, tut die Gemeinde Recht, wenn sie die Lehre in Form von Bekenntnissen ausformuliert. Wenn die Lehre so wichtig ist, wie die Schrift sagt, muss die Gemeinde solche Bekenntnisse haben und verwenden.

Einwände gegen Bekenntnisse

Einige der Einwände, die gegen Bekenntnisse vorgebracht werden, haben wir schon behandelt. Es gibt jedoch noch weitere, wichtigere Einwände. Manche sagen, dass Bekenntnisse die einzigartige Autorität der Schrift untergraben. Bekenntnisse würden uns in Wahrheit von der Schrift wegführen und uns dazu bringen, den Gebrauch der Schrift selbst zu vernachlässigen. Andere sagen, dass Bekenntnisse Spaltungen in der Gemeinde Gottes hervorrufen und sogar der Hauptgrund für die Uneinigkeit der Christenheit sind. Diese Einwände lassen sich leicht entkräften.

Zum Einwand der Autorität der Schrift: Wenn Bekenntnisse recht angewendet werden, verdrängen sie weder die Autorität der Schrift, noch führen sie Christen weg von der Schrift. Vielmehr verweisen sie auf die Schrift und dienen als eine Art Straßenkarte für die Lehren des Wortes Gottes. Das tun sie insbesondere durch die zahlreichen Verweise auf die entsprechenden Schriftstellen, wie sie in den meisten Bekenntnissen vorhanden sind. Sicher gibt es auch manche Zeitgenossen, die Bekenntnissen zu viel Autorität beimessen. Das kann man jedoch nicht den Bekenntnissen selbst zur Last legen, da sie ja selbst aussagen, dass die Schrift die einzige Autorität ist. Das zeigen sie, indem sie sich auf die Schrift beziehen.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet tun Bekenntnisse nichts anderes, als ein Prediger, der die Gläubigen dazu aufruft, das Gesagte anhand der Schrift zu überprüfen (vgl. Apostelgeschichte 17,11). Wie eine Straßenkarte zeigen sie sogar an, wo in der Schrift man beginnen sollte. Meiner Erfahrung nach haben gerade Gemeinden, die entweder keine Bekenntnisse haben oder sie nicht verwenden, erschreckend wenig Ahnung von den Lehren der Schrift. Die Menschen besuchen jahrelang solche Gemeinden und scheinen rein gar nichts zu lernen.

Dass Bekenntnisse angeblich Spaltungen hervorrufen ist ein weiterer Vorwand, um sie nicht zu benutzen. Bekenntnisse verursachen keine Spaltungen, sondern verdeutlichen lediglich, welche Spaltungen schon vorhanden sind. Indem die Bekenntnisse die Wahrheit lehren (und das tun sie nach Johannes 16,13, wenn auch nur unvollkommen) führen sie zu Einheit statt zu Spaltungen. Denn natürlich führt die Wahrheit zur Einheit. Amos 3,3 lehrt uns: „Gehen auch zwei miteinander, ohne dass sie übereingekommen sind?“ Ebenso lehrt uns Epheser 4,15.16: „Lasst uns aber die Wahrheit reden in Liebe und in allem hinwachsen zu ihm, der das Haupt ist, Christus. Aus ihm wird der ganze Leib zusammengefügt und verbunden durch jedes der Unterstützung dienende Gelenk, entsprechend der Wirksamkeit nach dem Maß jedes einzelnen Teils; und so wirkt er das Wachstum des Leibes zu seiner Selbstauferbauung in Liebe.“ Die vorhandenen Spaltungen sind daher nicht durch Bekenntnisse verursacht, sondern haben ihren Grund in der mangelhaften Kenntnis bzw. Umsetzung der Wahrheit der Schrift.

Der Nutzen von Bekenntnissen

Damit kommen wir zur Frage des Nutzens von Bekenntnissen. Der nächstliegende und sicherlich wichtigste Grund ist ihre einigende Funktion. Die Bekenntnisse einer Gemeinde sind ihr „Banner der Wahrheit“ (vgl. Psalm 60,6) und dienen als gemeinsame Plattform für alle, die die gleiche Wahrheit verkünden. Daher werden die Bekenntnisse der reformierten Gemeinden manchmal auch die Drei Formeln der Einheit genannt.

Eng damit verwandt ist der apologetische Gebrauch der Bekenntnisse. Unter Apologetik versteht man die Verteidigung der Wahrheit des Evangeliums. Das Wort „Apologetik“ geht zurück auf den griechischen Ausdruck apologia für „Verteidigung“ oder „Rechtfertigung“ in 1. Petrus 3,15. Die apologetische Verwendung der Bekenntnisse ergibt sich aus der Tatsache, dass die meisten Bekenntnisse aus Anlass der Verteidigung der Wahrheit der Schrift verfasst wurden. Sie sind die „Verteidigung“ oder „Rechtfertigung“ der Gemeinde gegenüber denjenigen, die ihre Hoffnung in Frage stellen. Sie wurden nicht in irgend einem Elfenbeinturm abseits von der Realität verfasst, sondern auf dem Schlachtfeld des Glaubens. Die falschen Lehren, die sie ansprechen, sind immer noch aktuell, da gibt es nicht viel Neues. Und auch hier helfen uns die Verweise auf entsprechende Schriftstellen bei einer biblisch fundierten Verteidigung des Glaubens.

Dann gibt es noch den „gesetzlichen“ Gebrauch der Bekenntnisse. Das bedeutet, dass sie herangezogen werden, um bestimmte Streitigkeiten zu vermeiden oder zu schlichten. Sie eignen sich deswegen zur Schlichtung von Streitigkeiten, weil sie zeigen, was die Schrift lehrt und all ihre Aussagen zu einem bestimmen Thema zusammenführen. Zur Vermeidung von Streitigkeiten eignen sie sich deswegen, weil sie klar benennen, was wichtig ist. Somit werden törichte und unsinnige Auseinandersetzungen vermieden, die nur zu Streit führen (vgl. 2. Timotheus 2,23).

Sehr wichtig ist auch der katechetische Gebrauch der Bekenntnisse. Das bedeutet, dass sie benutzt werden, um Kindern und Neubekehrten die Wahrheit der Schrift beizubringen. Die Bekenntnisse eignen sich deswegen hierfür, weil sie die Lehren der Schrift wiedergeben. Jeder, der jemals gelehrt hat, weiß, dass es praktisch unmöglich ist, etwas zu lernen, wenn der Stoff nicht systematisch und logisch strukturiert ist. Das können die Bekenntnisse leisten, insbesondere die Katechismen, die ja gerade dafür konzipiert wurden, Jung und Alt in der Wahrheit der Schrift zu unterrichten.

Weiter können Bekenntnisse sogar in der Seelsorge verwendet werden. Sie sind keine kalten, abstrakten Abhandlungen, sondern einfühlsame, praktische Darstellungen der Wahrheit. Sie sollen denen, die seelsorgerlicher Hilfe bedürfen, die Richtung zum Wort Gottes weisen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die seelsorgerliche Anwendung der Erwählungslehre in den Dordrechter Lehrregeln, 1. Lehrstück, Kapitel 13:

„Der Erfahrung und Gewißheit dieser Erwählung entnehmen die Kinder Gottes täglich größere Ursache, sich vor Gott zu demütigen, die Tiefe seiner Barmherzigkeit anzubeten, sich selbst zu reinigen und ihn, der sie zuerst sehr geliebt hat, wiederum inbrünstig zu lieben. Es ist denn auch weit davon entfernt, dass sie durch diese Lehre von der Erwählung und durch deren Betrachtung in dem Befolgen der göttlichen Gebote lässiger oder auf fleischliche Art sorglos würden. Dies pflegt aber nach Gottes gerechtem Urteil denen zu widerfahren, die, indem sie sich der Gnade der Erwählung leichtsinnig vermessen oder eitel und leichtfertig über sie schwatzen, auf dem Wege der Auserwählten nicht wandeln wollen.“

Von geringerer Bedeutung ist die Verwendung der Bekenntnisse für Homiletik und Liturgie. In manchen Gemeinden wird regelmäßig aus einem ganz bestimmten Bekenntnis gepredigt. Damit soll sichergestellt werden, dass auch der ganze Ratschluss Gottes verkündigt wird (vgl. Apostelgeschichte 20,27). So werden alle Lehren der Schrift dargelegt, damit Gottes Volk fest auf dem Grund der Wahrheit steht. Das ist der homiletische (auf die Erstellung einer Predigt bezogene) Gebrauch. In anderen Gemeinden werden meistens kürzere Bekenntnisse wie das Apostolische oder das Nicänische Glaubensbekenntnis im Gottesdienst gelesen. So bekennen die Gläubigen gegenseitig ihren Glauben, getreu Christi Aufforderung in Matthäus 10.

Sicher gibt es noch weitere Möglichkeiten für den Gebrauch von Bekenntnissen, aber die hier genannten sind in jedem Fall die wichtigsten. Es muss jedoch betont werden, dass Bekenntnisse wirklich nur dann einen Nutzen haben, wenn sie auch verwendet werden. Wenn sie nur im Keller liegen und Staub ansetzen haben sie nicht den geringsten Wert. Aus den genannten Gründen ist es notwendig sie zu haben und sie zu verwenden. Die Alternative ist Chaos in der Lehre. Ein Chaos, dass in unserer Zeit die Gemeinde zerstört, ihr Zeugnis kraftlos macht und ihre Mitglieder verunsichert.

In Jeremia 6,16 sagt der Herr selbst: „So spricht der Herr: Tretet hin an die Wege und schaut und fragt nach den Pfaden der Vorzeit, welches der gute Weg ist, und wandelt darauf, so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen! Sie aber sprechen: »Wir wollen nicht darauf wandeln!«“ Und so hat die Gemeinde heutzutage keine Ruhe, weil sie die Pfade der Vorzeit nicht mehr kennt.

Quelle

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1Engl. Titel: „A Plea for Creeds“

2Engl. Titel: „Creed or Chaos“, Dorothy Sayers, Christian Letters to a Post-Christian World (Eerdmans, 1969), Seite 31-45

3Vgl. hierzu John Hooper, Biblical Church Unity (K & M Books, 1998)

4John Knox, The History of the Reformation in Scotland (Fleming H. Revell, 1905), Seite 342

5G.I. Williamson, The Heidelberg Catechism (Presbyterian and Reformed, 1993), Seite 3

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