Gebet – was ist das?

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In der Kölnischen Rundschau war vor kurzer Zeit zu lesen: „Beten Sie eigentlich noch? „Die Frage ist extrem persönlich“, antwortet einer, der ungenannt bleiben möchte. „Beten ist intimer als Sex“, schiebt er nach kurzer Überlegung nach. Im Rahmen einer willkürlichen Umfrage eine typische Antwort. Es gibt nicht mehr viele Bekenntnisse, die irgendwie peinlich sind. „Ich bete“ gehört dazu. Beten ist ein sorgfältig gehütetes Geheimnis der Privatsphäre.“

Der aktuelle Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung stellt fest, daß 36 Prozent der Katholiken und 21 Prozent der Protestanten in Deutschland täglich einmal beten.

Gebet – kein Geist Gottes ohne Wort Gottes

Was aber ist Gebet bzw. geschieht dabei? Ist Gebet ein Dialog oder ein Monolog,

  • reden Gläubige zu Gott,
  • hören oder
  • sehen diese sogar etwas von Gott?

Gebet, zweifelsohne unterschiedlich in Form und Ausdrucksweise je nach Prägung, Sozialisation bzw. Verständnis. Man kennt heute kontemplatives[1], hörendes[2], prophetisches[3], vollmächtiges[4] Gebet, das Herzensgebet[5], sogenanntes Zungengebet wird praktiziert, Gebetsmärsche organisiert, 24-Stundengebete durchgeführt. Bildmeditationen, Stillübungen und viele andere denkbare, aber auch unvorstellbare Arten und Weisen existieren, welche eher an heidnische respektive fernöstliche Praktiken, denn an biblische Gebetsformen erinnern.

Intention dieses Artikels soll nicht die detaillierte Betrachtung aller dieser verschiedenen Gebetstypen sein, jedoch verbindet diese Vorstellungen und Praktiken ein gemeinsames Element: Spiritualismus. Das freie und vom Wort Gottes getrennte Wirken des Heiligen Geistes in einem jeden einzelnen Gläubigen. Das ist eine durch und durch schwärmerische Sichtweise, welche keineswegs biblisch-reformatorisch verwurzelt ist.

Nach reformatorischem Verständnis ist das Reden des Heiligen Geistes und das Wort Gottes (ob gehört, gelesen, verkündigt etc.) untrennbar miteinander verbunden (ausführlicher siehe hier).

Der Heilige Geist fährt einher auf dem Wagen des Wortes. Dr. M. Luther

Damit ist nicht gesagt, Wort und Geist Gottes seien identisch – der Heilige Geist ist Gott, und keineswegs auf das von Ihm inspirierte Wort Gottes begrenzt. Zudem wird mit dem Text der Schrift wird viel Unfug veranstaltet: von historisch-kritischer oder allegorischer Auslegung bis zur negierenden Kritik.  Aber Wort und Geist sind auch nicht voneinander zu trennen. Allein die Schrift öffnet den Menschen für den Heiligen Geist, und allein der Heilige Geist ermöglicht bzw. bewirkt das Verstehen der Schrift.

  • Individuelles bzw. unmittelbares „Reden“ des Heiligen Geistes zu jedem einzelnen Gläubigen ist aus reformatorischer Perspektive grundsätzlich „schwärmerisch“ und verkennt die Unerreichbarkeit Gottes. Luther warnte vielmehr vor – seiner Meinung nach – mystischen Annahmen:

„Deshalb mahne ich euch vor solchen verderblichen Geistern, die sagen, ein Mensch empfängt den Heiligen Geist durch stilles Sitzen in der Ecke, auf der Hut zu sein. Hunderttausend Teufel wird er empfangen und nicht zu Gott kommen. Dr. M. Luther, „What Luther says“, Ed. E. Plass Vol. 3

Gebet – reflektiertes Wort Gottes

Was sagt das Wort Gottes? Dort heißt es zum Gebet z.B.: „betet ohne Unterlass!“ (1Thess5:17), betet „allezeit“ (Lk18:1). Gebet entspringt zudem nicht allein dem Wunsch des Menschen, sondern ist auch Auftrag Gottes, und etwas, was immer gefährdet scheint: „Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet“ (Jak4:2).

Biblisches Gebet kann und sollte sich vor allem durch das Vorbild Christi prägen lassen. Der Wunsch der Jünger, Jesus solle sie beten lehren, wurde dadurch geweckt, als sie Ihn selbst beten sahen (Lk11:1ff). Seine Antwort darauf war das „Unser Vater„. Dieses Gebet ist zu Recht das bekannteste und wird von den Christen auf der ganzen Welt gebetet.

So finden wir alles, was wir von Gott erbitten sollen und auch überhaupt erbitten können, in dieser Form oder auch gleichsam: dieser Regel des Gebets beschrieben, die uns Christus, der beste Lehrmeister gelehrt hat; diesen Christus aber hat Gott uns ja zum Lehrer gesetzt, und auf ihn sollen wir nach seinem Willen allein hören! (Matth. 17,5). Er ist allezeit Gottes ewige Weisheit gewesen (Jes. 11,2).

 

Und als er Mensch wurde, da wurde er den Menschen als ein Gottesbote von „wunderbarem Rat“ gegeben (Jes. 9,5).

Dies Gebet ist nun aber in allen Stücken so vollkommen, daß alles Fremde, von außen Hinzukommende, das sich nicht mit ihm in Übereinstimmung bringen läßt, gottlos und nicht würdig ist, von Gott gebilligt zu werden! (vgl. Augustin, Brief 130). Denn in dieser Zusammenfassung hat er uns vorgezeichnet, was seiner würdig, was ihm wohlgefällig und was uns vonnöten ist, kurz, was er uns gewähren will. J. Calvin, Institutio, III,20,48

Die Gefahr dieses Gebet aus äußerlich-liturgischer Routine zu beten besteht durchaus und verhindert oft zu erkennen, daß es erstens, ein von Gott selbst inspiriertes Gebet ist und zweitens, den Gläubigen entscheidende Prinzipien vermittelt. Ohne dies an dieser Stelle vollständig leisten zu wollen, möchte ich einige ansprechen.

Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Mt6:5-8

Bereits aus den einleitenden Worten lassen sich die ersten Aspekte über das Gebet ableiten:

  • Gebet ist – vor allem anderen – private Rede zu Gott. Dabei kann und soll der Gläubige seinen Dank und seine Bitten vertrauensvoll an seinen Vater in Christus richten und wissen, daß Gott nicht nur Gebete erhört, sondern bereits vorher weiß was er braucht.
  • Im Gebet werden Verheißungen Gottes konkret und persönlich (Mt21:22; Mk11:24). Gebet „erdet“ diese sozusagen und überträgt diese in das eigene Leben. Gott der uns befohlen hat zu bitten, hat auch zugesagt uns zu erhören.
  • Dem privaten Gebet steht das gemeinsame, öffentliche Gebet – das Gebet der Gemeinde gegenüber (Mt18:19-20). Auf diesem gemeinsamen Gebet liegt eine besondere Verheißung.

Weiterhin sollen Gebete weder gedankenlos aufgesagt, noch Worte sinnlos wiederholt werden, als seien sie magische Formeln mit automatischer Wirkung. Das griechische Wort βατταλογέω=battalogeō welches hier mit „plappern“ übersetzt ist, bedeutet[6] soviel wie, die „ständige Wiederholung immer gleicher Phrasen“ bzw. unnütze, oder viele Worte zu benutzen.

Man soll wenig Worte machen, aber viel und tief dabei denken und im Sinn haben. Je weniger Worte, je besser das Gebet; je mehr Worte, je ärger das Gebet: wenig Worte und viel dabei denken ist christlich, viele Worte und dabei gedankenlos sein in heidnisch. Dr. M. Luther

Dr. M. Luther macht in seinem Kommentar zum „Unser Vater“ deutlich:

  • das Gebet nicht problemorientiert und diesseitsverhaftet, sondern eine Reflektion des Wortes Gottes ist. Es geht dabei nicht um unsere Wünsche, sondern darum Gottes Willen zu erkennen und sich in diesen einzufinden.

Er schreibt an anderer Stelle über das meditierende Gebet. „Meditation„, in dem Sinn, daß sie über Gottes Wort nachdenken, es reflektieren. Luther nannte das: „oratio, meditatio, tentatio„.

„Zum dritten ist da Tentatio, Anfechtung. Die ist der Prüfstein, die lehrt dich nicht allein wissen [=oratio] und verstehen [=meditatio], sondern auch erfahren, wie recht, wie wahrhaftig, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort sei, Weisheit über alle Weisheit.“ Dr. M. Luther

Das prüfende Gebet: zum Verständnis des Wortes und über das Wort Gottes, die Meditation: als durchdenkenden Umgang mit dem Wort und mit Hineinnahme in den Alltag und die Anfechtung als Prüfstein des Wortes.

Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.] Mt6:9-13

Christus lehrt uns, daß biblisches Gebet im Wesentlichen auf Gott ausgerichtet sein muß. Johannes Calvin wies darauf hin, das sechs Bitten enthalten sind und machte darauf aufmerksam, daß die ersten drei, alle ein „Dein“ enthalten, sich also auf Gottes Angelegenheit und seine Ehre richten. Die letzten drei, alle ein „uns“, sich also um unsere Angelegenheiten drehen.

Nun ist zwar das ganze Gebet von der Art, daß überall Gottes Ehre an erster Stelle stehen soll; aber doch sind die drei ersten Bitten besonders auf Gottes Ehre gerichtet; auf sie sollen wir in diesen Bitten allein schauen, ohne jede Rücksicht auf unseren Vorteil, wie man das so ausdrückt. Die drei übrigen Bitten sorgen für uns, und sie sind wesentlich dazu bestimmt, daß wir das erbitten, was zu unserem Nutzen dient. J. Calvin, Institutio, III,20,35

Aber indem sich der Gläubige auch in Fragen des täglichen Bedarfs an Gott richtet, erkennt er damit an, von wem er alles erhält, dankt Gott und ehrt Ihn dadurch.

  • Gebet soll primär die Ehre Gottes suchen und sich inhaltlich an Gottes Absichten und Plänen ausrichten.
  • Nicht minder soll Gebet jedoch auch jeden menschlichen Mangel und seine Abhängigkeit und Schuldhaftigkeit von und vor Gott thematisieren

Schließen möchte ich mit einem Wort Gottes aus dem ersten Johannesbrief:

Und das ist die Zuversicht, die wir haben zu Gott: Wenn wir um etwas bitten nach seinem Willen, so hört er uns. Und wenn wir wissen, dass er uns hört, worum wir auch bitten, so wissen wir, dass wir erhalten, was wir von ihm erbeten haben. 1Joh5:14-15

Nur ein Gebet „nach dem Willen Gottes“ kann die berechtigte Erwartung haben, erhört zu werden. Ein Gebet das sich am Wort Gottes orientiert, von diesem inspiriert ist und allein die Ehre Gottes sucht.

sdg
apologet

  • Die Annahme, unmittelbaren Redens Gottes zum Menschen im Gebet ist schwärmerisch, verkennt die Unerreichbarkeit Gottes
  • Biblisches Gebet ist sowohl private, nichtöffentliche, wie öffentliche Anrufung Gottes durch die Gemeinde.
  • In diesem werden die Verheißungen aus Gottes Wort reflektierend und konkret auf das Leben der Gläubigen angewendet
  • ein solches Gebet ist nicht problemorientiert und diesseitsverhaftet, erkennt den eigenen Mangel, Abhängigkeit und Schuldhaftigkeit vor Gott an
  • und sucht allein die Ehre Gottes, richten sich inhaltlich an Seinen Absichten und Plänen aus

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[1] Das kontemplative Gebet ist eine christliche Meditationstechnik, welche zu einer mystischen Erfahrung des Göttlichen führen soll. Durch Aufmerksamkeit auf den Atem, ein Wort oder durch einfaches Ruhen in der Stille soll sie zu einer mystischen Erfahrung des Göttlichen führen. Martin Bohn, Kontemplatives Gebet

[2] „Hörendes“ Gebet ist zunächst einmal einfach eine Form des Betens, bei dem nicht Bitte, Dank, oder Anbetung im Zentrum stehen, sondern das Hören auf Gottes Reden – und zwar konkret in meine persönliche Situation hinein. Was auch immer meine Anliegen sein mögen – im Hörenden Gebet lege ich sie zunächst einmal beiseite um mich ganz auf Gott auszurichten und seine Impulse zu empfangen. Manfred Schmidt, Hörendes Gebet – was ist das?

[3] Gott möchte, dass die Gemeinde eine mächtige Armee ist, die prophetische Gebete ausspricht. Prophetisches Gebet ist die Art des Gebets, die Gottes Absichten auf der Erde proklamiert. Mike & Kay Chance, Damit wir beten

„In einem Team von 2-3 Mitarbeitern beten wir für Sie und geben Ihnen die von Gott empfangenen Eindrücke weiter.“ Schleife, Prophetisches Gebet

[4] Im vollmächtigen Gebet rufen wir den Willen des Vaters auf die Erde herab. In diesem Fall sprechen wir nicht so sehr zu Gott, sondern für Gott. Wir bitten Gott nicht darum, etwas zu tun, sondern wir verwenden die Autorität Gottes, um zu gebieten, daß etwas geschieht. Dies ist die Art von Gebet, die Gott benutzt, um in feindliches Territorium einzudringen und seine Herrschaft zu errichten. Dominik Sikinger (Der Sämann) Vollmächtiges Gebet

[5] Das Herzensgebet bzw. Jesusgebet ist eine aus der orthodoxen Tradition stammende christliche Gebetsform, die sich sowohl durch Schlichtheit als auch durch meditative Tiefenwirkung auszeichnet. Das Herzensgebet hat zum Ziel, von einem Wort oder einem Gebetssatz (z.B. nur: „Jesus!“ oder: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner!“ oder einem Vers aus den Psalmen) ganz erfüllt zu werden. Es ist nicht-gegenständliche, worthafte Meditation. Auf dem einen und immer demselben Wort oder Satz kann monate-, ja jahrelang gebetet werden. Herzensgebet

[6] Weitere Bedeutungen: plappern, schwatzen. Vermutet wird u.a. auch die Ableitung von einem König von Kyrene, der gestottert haben soll, bzw. einem von Battus,, Autor langweiliger und wortreicher Gedichte.

4 Kommentare

  1. Hi!
    Finde Deinen Artikel sehr gut und gründlich.
    Habe nur zum Thema „Hörendes Gebet“ etwas andere Ansichten.
    Daher interessiert mich Deine Sichtweise dazu besonders.
    In der Apg bzw. auch im 1.Kor (Thema: danach trachten, prophetisch zu reden, was m.E. die Eingabe von Gott voraussetzt) wird dargestellt, dass Gott direkt zu Einzelnen gesprochen hat und es auch tun will – zumindest, wenn es um deutliche Weichenstellungen geht.
    Ist das für Dich hörendes Gebet?

    Gott ist mit Dir!

  2. Hallo berlinjc,
    einleitend vielleicht eine grundsätzliche Frage: stimmen wir beide darin überein, daß spezifische Heilszeiten (Stichwort „Cessationismus“) existieren?
    sdg
    Andreas

  3. Hallo berlinjc,
    der Cessationismus geht davon aus, daß die apostolischen Gaben bzw. unmittelbare Offenbarungen mit dem Sterben der Apostel aufgehört haben zu existieren.

    Zum Thema „Prophetie“ habe ich hier meine Gedanken hinterlassen…
    sdg
    Andreas

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