Christus oder Israel?

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Unterschiedliche Gründe führen erneut zu der Beschäftigung mit der sogenannten „Endzeit-Thematik“ bzw. „Israel=Schlüsselfrage“. Man mag- durchaus berechtigt- fragen, ob diese Thematik denn wirklich wichtig ist. Nun, heilsentscheidend muss eine Positionierung u. U. nicht sein, aber unwichtig eben auch nicht. Wieso? Zentrale Fragen des Evangeliums sind von dieser Thematik betroffen.

Da wäre zum einen die Frage: ob nun Christus, oder Israel Schlüssel der Schriftauslegung ist; zum anderen, was es mit dem Wesen der Kirche auf sich hat: Gottes Volk in der Kontinuität des Heilsplanes Gottes, oder temporärer Einschub?

Das jeweilige Schriftverständnis1 entscheidet diese Fragen. Das Matthäusevangelium ist nun m. E. bestens geeignet bei der Suche nach einer Antwort auf beide Fragenkomplexe zu helfen. Es beginnt, ähnlich wie das Lukas- und das Johannesevangelium, mit einer Genesis-Erzählung (Herkunft, Abstammung), beginnt jedoch nicht bei Adam, wie Lukas, oder bei Gott selbst, wie Johannes, sondern führt Christus in gerader Linie auf Abraham (Mt1:1) zurück:

 

Abraham → David → Christus

 

Das Matthäusevangelium ist eine Klammer zwischen den Testamenten bzw. eine direkte Fortsetzung der Bundesgeschichte Gottes mit Israel. Mit Abraham hat dieser Bund einen spezifischen Anfang genommen und in David eine königliche Ausprägung gewonnen. Mit Christus erfährt diese Verheißungslinie jedoch erst das Ziel den Vollendungspunkt bzw. seine eigentliche Erfüllung!

1Mo15-17 u. 22:18 berichten von dem Bund Gottes zugunsten Abrahams und des Verheißungserben, durch welchen alle Völker gesegnet werden sollen. Israel hat sich über die Jahrhunderte immer selbst als dieser Verheißungserbe verstanden. Und in dieser Weise verstehen manche Christen Israel auch heute noch. Besteht dazu Berechtigung?

Liest man den Text in Genesis aus neutestamentlicher Sichtweise, widerspricht bspw. Johannes der Täufer diesem Anspruch deutlich (Mt3:1-12 ), verneint jeden ethnischen Anspruch Israels, stellt darüber hinaus ein abschließendes Gericht in Aussicht. Bereits die Unterscheidung zwischen Ismael und Isaak lassen ein geistliches Prinzip deutlich werden. Allein Isaak wird als Sohn der Verheißung (Gal4:28) identifiziert. Paulus führt dies verschiedentlich (Röm2 ) weiter aus (Gal3 ) und identifiziert ausschließlich Christus als den eigentlichen Sohn der Verheißung, den verheißenen Erben.

 

sdg

Andreas

 

1 Mein Schriftverständnis: Allein Christus der Schlüssel jeder Textauslegung, nicht Israel. Weiterhin erachte ich den historisch-grammatischen Literalsinn, keine übersteigerte Wortwörtlichkeit des Textes, für maßgeblich. Darunter fällt für mich u. a. das Prinzip der Klarheit der Schrift, der Schriftauslegung durch die Schrift und das Primat des Neuen Testamentes gegenüber alttestamentlichen Texten bei der Exegese in der Weise, wie Christus und die Apostel es taten.

 

6 Kommentare

  1. Moin,

    da mein Kommentar nun schon zweimal vom System als Spam gelöscht wurde, versuche ich es mal so:

    Habe mir erlaubt Dich händisch einzufügen und hoffe das Deine Kommentare jetzt nicht mehr als Spam identifiziert werden 😉

    Du schreibst:

    „Mein Schriftverständnis: Allein Christus der Schlüssel jeder Textauslegung, nicht Israel. Weiterhin erachte ich den historisch-grammatischen Literalsinn, keine übersteigerte Wortwörtlichkeit des Textes, für maßgeblich. Darunter fällt für mich u. a. das Prinzip der Klarheit der Schrift, der Schriftauslegung durch die Schrift und das Primat des Neuen Testamentes gegenüber alttestamentlichen Texten bei der Exegese in der Weise, wie Christus und die Apostel es taten.“

    Mich würde interessieren, wo Du vor diesem Hintergrund Stellen wie Jesaja 2, 2-4 oder auch Jesaja 11 hinsichtlich des Zeitpunktes einsortierst. Wann und wo wird das aus Deiner Sicht passieren?

    Gruß
    Oliver

  2. Hallo Oliver,

    zunächst einmal würde ich den Text als solchen- losgelöst von jedem Vorverständnis- verstehen wollen. Wenn ich das versuche, begegnen mir bspw. bei Jes2:2-4 durchaus auffällige Aspekte:

    – Das „Ende der Tage“
    – das Juden und Heiden gemeinsam „zum Haus/Berg Gottes ziehen“ werden,
    – dass das „Gesetz/Wort des Herrn“ über die Grenze Israels hinaus Relevanz haben wird,
    – und „Schwertern und Pflugscharen“ werden thematisiert.

    Formulierungen wie diese und weitere, finden sich häufiger in im AT. Nun ist die Frage was darunter zu verstehen ist. Wie haben es die Juden zu der betreffenden Zeit, wie zur Zeit Jesu verstanden. Und dann die Frage, wie haben Christus und die Apostel diese Texte verstanden und angewendet.

    Hast Du da eine Idee?

    LG, Andreas

  3. Hallo Andreas,

    die händische Einfügung geht in Ordnung 😉

    Wenn wir fragen, wie unser HErr und die Apostel AT-Stellen interpretiert haben, können wir natürlich im NT nachsehen. Wenn dort AT-Stellen geistlich ausgelegt werden, haben wir das als verbindlich anzusehen, darüber kann es ja auch keine Diskussion geben. Diese Freiheit der Apostel haben wir aber nicht, jedenfalls nicht ohne handfeste Gründe, die im Einzelfall vorliegen müssen.

    Wenn wir als Erklärung für die oben genannten Stellen ein Tausendjähriges Reich annehmen wollen, hätten wir eine recht einfache Erklärung. Klar kann man z. B. Jesaja 11 auch – irgendwie – geistlich deuten, aber wie willst Du das denn machen ohne reine Willkür zu betreiben? Was in dem Text sollte einen zu einer sinnvollen geistlichen Auslegung führen?

    Oder nimm Jesaja 65,20. Wenn es hier wirklich schon und ausschließlich um den neuen Himmel und die neue Erde geht, warum ist 100 Jahre dann „jung“ und warum sterben dort Menschen?

    Warum wird in Sacharja 8 Jerusalem in jeder Hinsicht als ganz normale Stadt beschrieben, zu der man hingehen kann?

    Derlei AT-Prophetien sind – anders als z. B. Gleichnisse – einfach zu detailliert, um hier quasi mutwillig eine geistliche Deutung vorzunehmen.

    Gruß
    Oliver

    P.S.: Sehr aufschlussreich zu dieser Thematik finde ich einen Vortrag von Roger Liebi inkl. PowerPoint-Präsentation: http://www.youtube.com/watch?v=MhE-YnkcDPg

  4. Hallo Oliver,

    die händische Einfügung geht in Ordnung 😉

    schön 😉

    Wenn wir fragen, wie unser HErr und die Apostel AT-Stellen interpretiert haben, können wir natürlich im NT nachsehen. Wenn dort AT-Stellen geistlich ausgelegt werden, haben wir das als verbindlich anzusehen, darüber kann es ja auch keine Diskussion geben. Diese Freiheit der Apostel haben wir aber nicht, jedenfalls nicht ohne handfeste Gründe, die im Einzelfall vorliegen müssen.

    Genau dieses hermeneutische Prinzip stelle ich in Frage und erläutere gerne, zunächst an dem von Dir eingebrachten Text, wieso:

    In Jesaja 2:2-4 lesen wir von einer zukünftig gemeinsamen Anbetung Gottes von Juden und Heiden. Paulus erklärt bspw. in Eph3,4-5, dass erst den Aposteln und Propheten des NT dieses- bisher verborgene- Geheimnis, nämlich die Gemeinde respektive gemeinsame Anbetung Gottes durch Juden und Heiden offenbart wurde. Bis zu diesem Zeitpunkt war dies völlig undenkbar bzw. nur durch Konvertierung zum Judentum möglich. Und wie wir wissen, bedurfte es erheblicher Überzeugungsarbeit Gottes bei Petrus, den Führern der noch ausschließlich jüdischen Gemeinde bei derselben und einer öffentlichen Schelte des Petrus durch Paulus, bis erkannt wurde, das die Trennwand zwischen Juden und Heiden in Christus gefallen ist.

    Ausgehend von dieser Erkenntnis kann nun jede Stelle des AT, die dieses Geheimnis in sich birgt, ohne ausdrückliche Zitierung im NT so verstanden werden. Das NT erklärt jedoch noch viel genauer wie das AT zu verstehen, interpretieren, auszulegen ist. Paulus schreibt den Korinthern, dass das AT prinzipiell nicht ohne Christus bzw. das NT verstanden werden kann:

    Denn wenn das, was weggetan wird, mit Herrlichkeit kam, wieviel mehr wird das, was bleibt, in Herrlichkeit bestehen! Da wir nun eine solche Hoffnung haben, so treten wir mit großer Freimütigkeit auf und nicht wie Mose, der eine Decke auf sein Angesicht legte, damit die Kinder Israels nicht auf das Ende dessen sähen, was weggetan werden sollte. Aber ihre Gedanken wurden verstockt; denn bis zum heutigen Tag bleibt beim Lesen des Alten Testamentes diese Decke unaufgedeckt, die in Christus weggetan wird. Doch bis zum heutigen Tag liegt die Decke auf ihrem Herzen, so oft Mose gelesen wird. Sobald es sich aber zum Herrn bekehrt, wird die Decke weggenommen. 2Kor3:11-16

    Luther nannte das: „Was Christum treibet“.

    Viele Christen neigen heute jedoch zu einem christlichen Zionismus, legen sich selbst wieder die Decke auf, die in Christus eigentlich weggetan ist. Jede Interpretation des AT ohne Christus bzw. das NT kommt jedoch zu defizitären oder sogar vollkommen falschen Schlüssen. Christus betont dies verschiedentlich selbst: Das AT zeugt von Anfang bis Ende von Ihm! Die Apostel überführten die Juden in den Synagogen anhand der Schriften das Christus der Messias ist.

    Petrus schreibt z. B. in 1Petr1:10ff folgendes:

    Wegen dieser Errettung haben die Propheten gesucht und nachgeforscht, die von der euch zuteil gewordenen Gnade geweissagt haben. Sie haben nachgeforscht, auf welche und was für eine Zeit der Geist des Christus in ihnen hindeutete, der die für Christus bestimmten Leiden und die darauf folgenden Herrlichkeiten zuvor bezeugte. Ihnen wurde geoffenbart, daß sie nicht sich selbst, sondern uns dienten mit dem, was euch jetzt bekanntgemacht worden ist durch diejenigen, welche euch das Evangelium verkündigt haben im Heiligen Geist, der vom Himmel gesandt wurde — Dinge, in welche auch die Engel hineinzuschauen begehren.

    Was wird hier gesagt? Es wird gesagt, dass die Gläubigen des AT ganz grundsätzlich nur über eine vage Vorstellung darüber verfügten, was die AT-Prophetien konkret bedeuten, ja sogar die Propheten selbst dies nicht genau wussten, sondern das all dies erst der Gemeinde im vollen Umfang offenbar sein würde.

    Zu Deinen spezifischeren Fragen: Ich diskutiere gerade an einer anderen exegetischen „Baustelle“ (1Kor13:10). Das schreibe ich Dir aus folgenden Gründen. 1. bindet mich dies zeitlich. 2. lese ich diverse exegetische Arbeiten zu diesem Thema, zu welchem es in der Hauptsache drei verschiedene Auslegungsvarianten gibt. Ich kann Dir also natürlich sagen wie ich die von Dir angeführten Stellen verstehe (sicher nicht dispensationalistisch), aber es führte an dieser Stelle zu weit, dies weitergehend zu diskutieren, da es keineswegs ausreicht sich mal schnell die Bibel zu schnappen um die unterschiedlichen Sichtweisen aufzulösen.
    LG, Andreas

    1. Hallo Andreas,

      dann beschäftige Dich erstmal mal in Ruhe mit 1. Korinther 13,10. Nur soviel (ich versuche mich jetzt mal an diesen HTML-Tags…):

      Daran besteht sicher kein Zweifel, aber was soll dann Vers 4 bedeuten?

      Halte ich für eine kühne Aussage…

      Christlicher Zionismus im Sinne einer Glorifizierung des gegenwärtigen Staates Israel ist sicherlich fehlgeleitet. Das Tausendjährige Reich hat aber damit nichts zu tun, zumal es ja gerade die irdische Herrschaft Christi darstellt und ohne Ihn seiner kompletten Grundlage beraubt ist.

      Keine Frage. Es geht nur darum, ob man die AT-Prophetien – gerade wegen Ihrer Detailliertheit – nur auf diese Aussage beschränken will.

      Bis bald mal.

      Gruß
      Oliver

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