AfeM-Jahrestagung 2013 – emergente Verschleierung

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TransformationAm  4. und 5. Januar fand in Herrenberg bei Stuttgart, die AfeM-Jahrestagung 2013 statt. Zu den Referenten gehörten Befürworter klassischer Evangelisationen wie der ProChrist-Leiter, Pfarrer Ulrich Parzany (Kassel), und Vertreter der sogenannten (emergenten) Transformationstheologie, Prof. J. Reimer.

Der Vorsitzende des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie (AfeM), Prof. Thomas Schirrmacher (Bonn), erklärte am Ende der Tagung, dass in der evangelikalen Bewegung Deutschlands kein grundsätzlicher Streit darüber vorhanden sei, ob Christen eher evangelisieren oder sich gegen gesellschaftliche Missstände wenden sollten. Es sei unbestritten, dass soziales Engagement ebenso zum christlichen Auftrag gehöre wie die Predigt des Evangeliums (Quelle).

Dieser Wahrnehmung bzw. Erklärung ist klar und eindeutig zu widersprechen. Es existiert sehr wohl grundsätzlicher Streit in der evangelikalen Bewegung über diese und ähnliche Fragen bzw. nachhaltiger und berechtigter Widerspruch. Es ist äußerst bedauerlich, dass eine öffentliche Diskussion mit Vertretern und Kritikern der emergenten Bewegung totgeschwiegen bzw. vermieden  und verschleiert wird.

Der bekannte und exponierte Vertreter der emergenten Bewegung Deutschlands, Prof. Johannes Reimers, behauptete im Rahmen dieser Tagung, die emergente Transformationstheologie wolle nicht die Gesellschaft verändern. Diese Aussage entspricht nachweislich nicht der Wahrheit.

Dr. Tobias Faix (persönliches Ziehkind Prof. Reimers) schreibt beispielsweise auf seiner Seite:

„Wenn wir von Transformation reden, dann gehen wir davon aus, dass der dreieinige Gott der Urheber allen Handelns ist und seine missio Dei (Gottes Mission/Sendung)das handelnde Subjekt in der Geschichte darstellt. Transformation beschreibt die verschiedenen Dimensionen dieses Handeln hier auf Erden, sei im persönlich-individuellen Bereich, im sozialen, politischen, kulturellen, ökologischen, theologischen oder sozio-strukturellen. Gott spricht durch sein Heilshandeln in diese Welt und verändert diese. Sein ganzheitliches Heil zeigt sich dabei in der Wiederherstellung von Beziehungen (in der Spannung von gegenwärtig & eschatologisch) und umfasst die ganze Schöpfung und den ganzen Menschen.In dieser Gemeinschaft der Christen wirkt Gottes heilende Kraft der Veränderung (durch den Heiligen Geist). Darin sehen wir die biblischen Botschaft, dass die versöhnende Kraft Christi eine zentrale Rolle für diese Welt spielt. Diese Botschaft soll für uns und unsere Lebenswelt nicht ohne Folgen bleiben. Da unser Leben in vielfacher Weise mit Anderen verwoben und vernetzt ist, gewinnt die heilende Versöhnung Christi in und durch uns eine lebendige Gestalt, die tatsächliche Veränderungen mit sich bringt. Bei aller „Schwerkraft“ des Alltags und allem „Gefallen“ sein, bricht die Herrlichkeit Gottes auf die unterschiedlichste Art und Weise durch und sucht und schafft Gerechtigkeit.“ Quelle

Und auch Prof. Reimer selbst schreibt entgegen seiner Behauptung anderes:

„Transformation steht zunächst von seiner lateinischen Ursprungsbedeutung für eine Übertragung des Inhalts aus einer Form in eine andere. Man kann Transformation auch als Umformung beschreiben. Wer transformieren will, der strebt einen Prozess der Neugestaltung und als Resultat eine Veränderung der Verhältnisse an. Der Begriff wird heute in allen Wissensbereichen für entsprechende Umformungsprozesse gebraucht.Seit mehreren Jahren wird das Wort Transformation auch verwendet, um spirituelle Veränderung zu beschreiben. So kann man von der Transformation des Bewusstseins reden, einer sehr persönlichen Umformung der geistlichen, seelischen und physischen Befindlichkeiten einer einzelnen Person. Oder es geht um gemeinsame Prozesse der Veränderung spiritueller Befindlichkeiten in der Gesellschaft. Seit Jahren ist der Begriff ein terminus technicus der esoterischen Szene. In der neuen Religiosität sucht man allem voran eine Bewusstseinserweiterung und damit so etwas wie eine Transformation des Bewusstseins. […] Wenn also die Kirche von ihrer Mission spricht, dann hört der Zeitgenosse nicht die Umgestaltung der Völker im Sinne dessen, was Jesus uns gelehrt hat. Aber genau das besagt doch der Missionsbefehl in Matthäus 28,18ff! Die Christen sollen in alle Welt gehen, die Völker taufen und sie lehren, alles zu halten, was Jesus sie gelehrt hat. Oder etwa nicht? Man hört heute weder etwas vom Reich Gottes noch von einem wie auch immer gearteten Anspruch Gottes auf alle Bereiche des Lebens in der Gesellschaft. Aber das ist doch letztendlich das Herzstück des Evangeliums, das Jesus gepredigt und seinen Jüngern anbefohlen hat zu predigen – ein Evangelium vom Reich!Quelle

Prof. J. Reimer behauptet in seinem Essay (Transformation- was ist gemeint?) also, es sei primäre Aufgabe der Gemeinde Reich Gottes zu bauen. Womit er jedoch nicht jene „Reichsgottesarbeit“ vergangener Tage meint, bei welcher man sich Gott mit seinem Leben zur Verfügung stellte bzw. Gott im Gebet bat „Dein Reich komme“, sondern eine aktive Umgestaltung dieser Welt in sozialer und gesellschaftspolitischer Hinsicht.

Hier hat man (Prof. Reimer und Dr. Faix stehen damit keinesfalls alleine) sich- offenbar aufgrund des Status quo dieser Welt (Armut, soziale Ungerechtigkeit etc.)- entschieden, nicht mehr mit der Bitte „Dein Reich komme“ zufrieden zu geben, sondern strebt inzwischen selbstbestimmt eine umfassende Umwandlung der Lebenswelt der Menschen in Gottes Formen und Vorstellungen an. Die Welt soll durch Mission unter die Herrschaft Gottes kommen.

Dazu ist ein neues Missionsverständnis notwendig. Unter Mission wird dann nicht mehr der schlichte und oft schwache Ruf der Gemeinde zur Buße, die inhaltliche Belehrung der Völker mit dem Wort Gottes und Taufe, sondern ein realer Herrschaftswechsel und damit ganzheitliche Veränderung des Lebensraumes in der Gesellschaft verstanden. So jedenfalls Prof. Reimer in einem diesbezüglichen Essay.

Bereits seit einigen Jahren, scheint es erforderlich zu sein, sich als Christ mit einigen neuen Begriffen vertraut zu machen. Begriffe deren Verwendung in der Gemeinde bzw. in einem geistlichen Kontext teils merkwürdig, teils vertraut und dennoch fremd anmuten. „Transformation“ und „missional“ sind zwei solcher Begriffe, welche man exemplarisch anführen und sich merken sollte.

Beide Begriffe sind thematisch eng mit

  • der Gemeinde
  • der Gesellschaft und
  • der emergenten Bewegung

verbunden und sollen bisher verwandte Begriffe ersetzen. Ginge es nun lediglich um die Verwendung alternativer Begrifflichkeiten, wäre es nicht weiter problematisch, jedoch werden auch die mit den Begriffen verbundenen Inhalte anders als hergebracht verstanden und verwandt.

Mission bzw. Transformation sind ganz eindeutig „emergente Schwerpunkte“. Prof. J. Reiner, emergenter Stichwortgeber und oft geladener Sprecher auf emergenten Konferenzen, erklärt in seinem zweiseitigen Essay kurz was er darunter verstanden wissen will:

„Wer also für den Austausch der guten alten Vorstellung von der Heiligung mit dem Begriff Transformation votiert, mag gute Gründe haben. Denn unter Transformation versteht unser Zeitgenosse eindeutig Umwandlung des Bewusstseins und des individuellen Lebenskonzeptes. […] Und wenn wir Mission als transformierende Wirklichkeit beschreiben, dann geben wir unseren Mitbürgern die Möglichkeit, zu verstehen, was gemeint ist.“

Der Begriff Transformation steht also Reimers bzw. dem emergenten Verständnis folgend, für den biblischen Begriff Heiligung. Wobei die Transformation das Ziel und Mission das Mittel darstellt. An dieser Stelle muss jedoch gefragt werden, was diesem Verständnis folgend unter „Heiligung“ zu verstehen ist? Prof. J. Reimer schreibt folgendes:

„Versteht man denn heute in der Gesellschaft noch was Heiligung, Mission und Evangelisation bedeutet? Oder werden diese Begriffe schnell auf ein volkstümliches Verständnis reduziert? Wenn individuelle Transformation Heiligung ist und Transformation eine Umwandlung unseres Denkens voraussetzt, wird dann auch unter Heiligung eine Heiligung der Gedanken verstanden? Mag sein. Ich habe jedenfalls selten Predigten über Heiligung gehört, die eine umfassende Umwandlung der Persönlichkeit des Menschen meinten. Doch in der Bibel bedeutet Heiligung genau das – den alten Menschen auszuziehen und den neuen anzuziehen (Kol. 3,3ff ). Leider hat der Begriff in der Geschichte der Christenheit eher den Beigeschmack einer von der Kirche verlangten Konformität erfahren.“

Reimer hat im Bezug auf die Heiligung also nicht allein die Gemeinde oder Gläubige, sondern Nichtgläubige bzw. die Gesellschaft im Blick. Die Schrift unterscheidet jedoch strikt zwischen Welt und der Gemeinde. Heiligung bedingt der Schrift folgend Rechtfertigung, wobei Rechtfertigung eine richterliche Handlung Gottes im Bezug auf die Stellung des Menschen (Freispruch von Strafe/Recht auf Leben) vom Ungläubigen zum Gläubigen und Heiligung ein Wirken Gottes am Gläubigen in Bezug auf Gewohnheiten und Taten ist. Beides Handlungen Gottes, wobei Heiligung ohne grundlegende Rechtfertigung nicht möglich ist.

Diese- man kann es nicht anders nennen- Selbst- und Neubeauftragung der Gemeinde geschieht also auf Grundlage einer Neu- bzw. Uminterpretation des Evangeliums mit der Folge, dass sich Gemeinden vollständig diesem Evangelium anpassen und verändern. Nicht mehr Christus und die zukünftige, himmlische Hoffnung steht im Zentrum dieses neuen Evangeliums, sondern der Mensch und eine irdische Hoffnung. Die Welt soll nicht bloß zur Buße aufgerufen werden, sondern gesellschaftlich verändert, die Gemeinde soll vor allem sozial aktiv und gesellschaftlich relevant sein.

Keine Frage, ein solches Evangelium besitzt Attraktivität. Man wird anders wahrgenommen wenn man nicht bloß lehrt und tauft, sondern sozial und gesellschaftlich aktiv ist. Die Gemeinde wird dann plötzlich als gesellschaftliche Bereicherung, nicht als verstörender Fremdkörper angesehen, wird eingeladen und hoffiert, nicht verlacht oder gar verfolgt, besitzt Relevanz. Gemeinden mit einem solchen Evangelium erkennt man äußerlich nicht sofort. Und der Prozess dorthin ist oft schleichend, das Vokabular so ähnlich, die Menschen nett und aktiv, die Gottesdienste oft interessant und mitreissend.

Für wen jedoch ist eine solche Gemeinde attraktiv oder relevant… Gott oder Menschen? Die Gemeinde: Braut Christi, oder Braut dieser Welt?

Das Reich Gottes ist in dieser Welt aktuell nur im Verborgenen erkennbar, in jedem Gläubigen, in der Gemeinde. Das Reich Gottes ist dort präsent, wo Gott herrscht, Sein Wille geschieht. In dieser Welt geschieht noch nicht der Wille Gottes. Diese Welt, die gesamte Schöpfung wartet vielmehr sehnsüchtig darauf, das es zukünftig offenbar wird. Die sichtbare Ankunft dieses Reiches steht also aus, kann von Menschen nicht betrieben werden weil das sichtbare Reich Gottes mit der sichtbaren Wiederkunft und Gegenwart des Herren dieses Reiches verbunden ist.

sdg
Andreas

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3 Kommentare

  1. Hi Andreas,

    Ich habe in Herrenberg mitdiskutiert und bin für einige Statements, die Johannes Reimer dort gemacht hat, sehr dankbar. Er hat u.a. zugegeben, dass es in manchen Veröffentlichungen eine gewisse Unschärfe im Blick auf Anliegen und Gehalt von Gesellschaftstransformation gibt. Sogar den Begriff hat er in Frage gestellt. Klärungsbedarf sieht er zudem in der Frage der Eschatologie. Bemerkenswert fand ich, dass Johannes Reimer inzwischen den Eindruck hat, dass die Betonung der sozialen Tat das evangelistische Wort zurückdrängen könnte, eine Dynamik, die er keinesfalls befürworten würde. Scharf abgegrenzt hat er sich im Übrigen von einem rein irdischen Reich Gottes-Verständnis.

    Liebe Grüße, Ron

  2. Hi Ron,

    vielen Dank für Deine Rückmeldung und persönliche Einschätzung!

    Es würde mich sehr freuen wenn sich Prof. J. Reimer in seiner bisherigen Theologie revidiert hätte. Gibt es Deiner Kenntnis nach schon öffentliche Korrektur seinerseits zu seinen bisherigen Predigten, Lehrveranstaltungen und Veröffentlichungen? Und wie wird, wenn es denn tatsächlich eine Änderung seiner Position gegeben haben sollte, diese in der emergenten Szene wahrgenommen und kommentiert?

    Liebe Grüße

    Andreas

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