Sola Scriptura – Verschiedene Verständnisse und deren Folgen

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So viel wirklich verschiedene Verständnisse existieren eigentlich gar nicht. Auslegung des Wortes, und damit die Verkündigung des Evangeliums entsteht jedoch vor dem Hintergrund unterschiedlicher Verständnisse darüber wie Gott spricht. Wahrheit, Irrtum oder Irrlehre.

Drei der wichtigsten Verständnisse zähle ich hier auf:

1. Evangelisch – Sola Scriptua
Die Schrift allein. Der Heilige Geist hat durch die Vorsehung die Texte und Schriften erhalten und zusammengestellt. Die Schrift allein ist die einzige, unfehlbare Quelle schriftlicher und mündlicher göttlicher Offenbarung, die allein einzige das Gewissen binden darf. Die Bibel allein lehrt alles, was zur Rettung von Sünde nötig, der Standard, an dem alles christliche Verhalten gemessen werden muss und von woher Leitung für das persönliche Leben erwartet werden kann. Der Heilige Geist spricht niemals unabhängig von oder gegensätzlich zu den Inhalten der Bibel, persönliche geistliche Erfahrungen, Stimmen oder ähnliche können niemals Mittel der Offenbarung sein.

2. Katholisch – Bibel und Überlieferung/Tradition
Die Heilige Überlieferung und die Heilige Schrift sind eng miteinander verbunden und haben aneinander Anteil. Demselben göttlichen Quell entspringend, fließen beide gewissermaßen in eins zusammen und streben demselben Ziel zu (katholischer Katechismus). Die Schrift ist durch die Kirche in ihrer heutigen Form zusammengestellt und bestätigt worden. Neben den Texten der kanonischen Schriften gelten weitere Schriften als verbindlich und darüber hinaus wird die Möglichkeit göttlicher Offenbarung durch Menschen in Erscheinungen (Maria, Engel, „Christus“) eingeräumt, welche jedoch durch den Papst und/oder Beauftragte bestätigt werden müssen.

3. Evangelikal – Bibel und andere Offenbarungen
Sowohl die Schrift wie auch persönliche Offenbarungen, Erfahrungen haben ein und dieselbe Quelle. Die Heilige Schrift ist die niedergeschriebene göttliche Offenbarung, an welcher sich jede weitere göttliche Offenbarung, die durch den Heiligen Geist unabhängig vom Wort Gottes gewirkt wird, sei sie allgemein, persönlich oder in welcher Form (Eindrücke, Bilder, Visionen, hörbare Stimmen etc.) auch immer, zu messen hat. Je nach Ausprägung der Schwärmerei bzw. des evangelikalen Mystizismus reicht es von der erwarteten “persönlichen Führung” bis hin zu der regelrechten Anmaßung sogenannter “Propheten”, welche für Personen, Gemeinden und gesamte Länder “Offenbarungen” erhalten. Im Extremfall, der eben schlicht die logische Konsequenz darstellt, steht die aktuelle Offenbarung über der historischen Offenbarung.

Je nachdem existiert also eine evangelisch/reformatorische, auf der anderen die römisch-katholische respektive evangelikale (einschließlich der pfingst-charismatischen) Position. Deren jeweiligen, voneinander abweichenden hermeneutischen Ansätze führen meist zu den sich widersprechenden exegetischen Schlussfolgerungen. Das reformatorische “Sola Scriptura” bedeutet Sola Scriptura=Allgenugsamkeit der Schrift. Katholiken und Evangelikale (einschließlich der Pfingstler und Charismatiker) lehnen dies entweder bewusst oder unbewusst ab und akzeptieren verschiedene Formen mystischer/schwärmerischer Spiritualität. Konsequent wäre das “evangelisch” abzulegen.

Die reformatorische Position bedeutet, dass Gott in spezifischer Hinsicht niemals ausserhalb eines begrenzten Personenkreises gesprochen hat. Die Notwendigkeit das Gott sich durch “Offenbarung”, durch “prophetisches Wort” mitteilt, besteht aus folgendem Grund: Der Mensch ist durch Sünde von Gott getrennt. Gott und Sünde schließen einander aus. D.h. das Gott dem sündigen Menschen aus Gnade nicht unmittelbar begegnet. Auch der Gläubige bleibt ein Sünder (simul iustus et peccator). Gott muss sich dem Menschen offenbaren, weil Er für den Menschen unerreichbar (1Tim6:16) ist und bis zu dessen Verherrlichung auch bleibt. Darin besteht Sinn und Zweck des Wortes Gottes. Gott hat in der Menschheitsgeschichte spezifisch bzw. ausschließlich durch Propheten und Apostel gesprochen. Das meint Paulus als Apostel, wenn er von den “Geheimnissen” (Röm 16,25) spricht und sich als Apostel als Haushalter dieser Geheimnisse bezeichnet (1Kor 4,1). Es existiert darüber hinaus durchaus noch allgemeine Offenbarung durch die Schöpfung (Röm1), aber die ist hier irrelevant. Durch sein prophetisches Reden, durch Sein Wort erschafft Gott Sein Volk, Seine Gemeinde.

Die katholische und evangelikale Position negieren die Unerreichbarkeit Gottes für den Sünder, die Allgenugsamkeit des Wortes Gottes (Röm10:17), reduziert dieses auf die Funktion einer unterscheidenden Krücke. Mehr kann dazu eigentlich fast nicht gesagt werden. Der Evangelikalismus insgesamt, ist heute nur unwesentlich von der etwas extremeren Position der Pfingstler und Charismatiker entfernt.

sdg

Andreas

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2 Kommentare

  1. Hi Andreas

    Mich würde interessieren, wie du auf die Unterscheidung bei „evangelisch“ und „evangelikal“ kommst. – Nicht, dass ich widersprechen würde. Aber kann man „Bibel und Offenbarungen“ generell für alle „Evangelikalen“ sagen?

    LG René

  2. Hi René,

    ich- und damit bin ich nicht allein- komme auf diese Unterscheidung, weil Evangelikale eine andere kirchengeschichtliche Herkunft haben als Evangelische. Evangelikale gehen, über verschiedene Verzweigungen, auf die Radikalreformation zurück.

    Und ja, „Bibel und Offenbarung“ kann man in der Regel für Evangelikale grundsätzlich als Überschrift verwenden. Die Ausprägung ist ohne Zweifel unterschiedlich, aber ein reformatorisches Sola Scriptura Verständnis ist prinzipiell nicht vorhanden.

    Liebe Grüße

    Andreas

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