„Ihr werdet meine Zeugen sein…“

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Zeugnis geben“, so wird– überwiegend in evangelikalen und diesen nahestehenden christlichen Richtungen– oft der Bericht über persönliche Gotteserfahrungen oder erlebte radikale Lebensveränderungen, auch Bekehrung genannt, bezeichnet.

Nicht „Zeugnis geben“ oder „Zeugnis ablegen“, sondern „Zeugnis sein“! Ein anderer evangelikal-pietistischer Aspekt betont vorrangig nicht das „Zeugnis“ im Sinne einer konkreten inhaltlichen Äußerung, sondern die gesamte Lebensäußerung eines Christen. D. h. wie sich Christsein im Alltag auswirkt, praktisch wird.

Ist das damit gemeint, was die Bibel bzw. Christus darunter versteht, wenn er den Jüngern verheißt, daß diese Zeugen sein werden?

Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde. Apg1:8

Als erstes fällt bei genauerer Betrachtung auf, dass Christus– in Apg1:1-8, einer heilsgeschichtlichen Schnittstelle, dem Ende des irdischen Wirkens des Herrn und den Anfängen der neutestamentlichen Gemeinde– grammatisch betrachtet keineswegs einen Auftrag an alle nachfolgenden Generationen erteilt.

  1. es ist eine Verheissung für Seine Apostel
  2. das diese Zeugen sein werden
  3. es handelt sich um eine programmatische Aussage, eine Inhaltsangabe der Apostelgeschichte, der Ausbreitung des Evangeliums in der gesamten damals bekannten Welt
  4. es handelt sich um Bekenntnis zu einer konkreten Person: Christus.

Der verwandte griechische Begriff, „martus“ (μάρτυς), bezeichnete ursprünglich eine Person im forensisch-rechtlichen Sinne, einen Zeugen in einem Gerichtsverfahren. Die moderne juristische Definition versteht darunter folgendes: Zeugen sagen zu einem tatsächlichen Geschehen aus, von dem diese durch eigenes Erleben oder durch die Berichte anderer erfahren haben (Niedersächsisches Landesjustizportal).

Historisch und grammatisch betrachtet, waren also nur die Apostel und andere Augenzeugen Christi, im Wortsinn Zeugen. In diesem Sinne wird der Begriff hier benutzt. Etwas später gibt uns Lukas noch einmal eine Definition was er darunter versteht,  Zeuge Jesu zu sein.

Denn es ist uns unmöglich, von dem, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu reden. Apg4: 20

Drei wichtige Aspekte werden an dieser Stelle benannt. Es geht grundsätzlich um eine

  • inhaltliche Mittteilung darüber
  • was gesehen und
  • gehört wurde und einen unmittelbaren Bezug zu Christus bzw. dem Evangelium besitzt

Die Verheissung Christi, Seine Zeugen zu sein, erfüllt sich demzufolge nicht dort, wo persönliche Lebenserfahrungen im Fokus stehen, oder dann, wenn Christsein praktisch im Leben eines Christen sichtbar wird.

Die Apostelgeschichte konkretisiert im weiteren Verlauf inhaltlich wodurch der Inhalt eines Zeugnisses definiert bzw. wovon die Apostel Zeugen waren.

  • Christi Tod, Auferweckung und Himmelfahrt (Apg2:32)
  • das zukünftige Gericht über Lebende und Tote (Apg3:15)
  • die Buße und Vergebung der Sünden durch seinen Namen (Apg5:30ff; Apg10:39ff)

Die Verheissung hat sich historisch im Leben der Apostel, nachlesbar in der Apostelgeschichte erfüllt. In der Anwendung auf unsere heutige Situation, geschieht Zeugendienst immer dort, wo Christus durch Gläubige bekannt wird, der einzelne Rechenschaft über seinen Glauben an Christus ablegt, oder Christus bzw. das Evangelium in der Predigt verkündigt wird.

sdg
apologet

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2 Kommentare

  1. Sorry, aber ich verstehe das einfach nicht. Es scheint manchmal so, als wäre es die Freude mancher Leute, alles was in den ominösen Evangelikalen Gemeinden passiert klein zu reden oder sogar als Unbiblisch zu bezeichnen. Und dann auch noch eine ‚biblische Begründung‘ dafür zu finden.
    Was du hier scheibst ist, bei allem Respekt, zu kurz gegriffen. Lukas greift ganz offensichtlich auf das Bild zurück, das schon im AT vorhanden ist und z.B. in Jes 43,8ff sehr deutlich zum Ausdruck kommt. Das Zeuge sein hier (üb. in der LXX mit martures [μοι μάρτυρες (Isa 43:10)] übersetzt) bezieht sich hier durchaus auf einen Rettungsakt Gottes – aber vor allem, übergeordnet zum Rettungshandeln, von der Erkenntnis Gottes als dem höchsten resp. einzigen Gott. Diese Erkenntnis kommt im Erfahren der Rettungshandlung Gottes, die eben ATlich nicht nur in einem Ereignis festgeschrieben ist, sondern viele Situationen kennt. Gott selbst nennt in Jes 43 verschiedene Beispiele, wobei der Exodus nur ein – zugegeben prominentes – Beispiel ist.
    Ausgehend davon kann man durchaus an der (seelsorgerlichen) Praxis festhalten, dass mit Gott Erlebte als Zeugnis der Gemeinde mitzuteilen – und es in Bezug setzen mit dem rettenden Evangelium, durch den wir erst diese versorgende Beziehung mit Gott haben!

  2. Hi Marcus,
    vorweg: Evangelikale Gemeinden sind für mich nicht grundsätzlich „ominös“… ich bin dort hineingeboren und vollständig sozialisiert worden. Aus eben diesem Grund beschäftigt mich natürlich jedoch das Eine oder Andere dort auch heute noch. Allerdings existieren in vielen evangelikalen Gemeinden bestimmte Lehren und Praktiken die durchaus hinterfragt und kritisiert werden sollten. Meiner Meinung nach u. a. eben auch das sogenannte „Zeugnisgeben“.

    Zu Deinem Einwurf mit Jesaja43:

    Jes43:8-10 Es soll hervortreten das blinde Volk, das doch Augen hat, und die Tauben, die doch Ohren haben! Alle Heiden sollen zusammenkommen und die Völker sich versammeln. Wer ist unter ihnen, der dies verkündigen kann und uns hören lasse, was früher geweissagt wurde? Sie sollen ihre Zeugen aufstellen und beweisen, so wird man’s hören und sagen: Es ist die Wahrheit. Ihr seid meine Zeugen, spricht der HERR, und mein Knecht, den ich erwählt habe, damit ihr wisst und mir glaubt und erkennt, dass ich’s bin. Vor mir ist kein Gott gemacht, so wird auch nach mir keiner sein.

    Erstens kann ich in dem von Dir zitierten Text keinen Widerspruch zu meinen Gedanken entdecken. Die Verkündigung soll sich auf den Erlöser selbst bzw. das was Er getan hat beziehen. Und damit ist im Bezug auf Christus eben dieser in Person bzw. das was Er am Kreuz auf Golgatha getan hat, das historische Geschehen gemeint. Das Wort vom Kreuz ist der Inhalt welcher jemanden zu einem Zeugen Christi macht.

    Zweitens, die jeweilige Erfahrung kann und soll sich natürlich in Dank und Anbetung ausdrücken. Diese beinhaltet ja immer die persönliche Erfahrung und den individuellen Beziehungsaspekt. Die jeweilige Erfahrung, oder das individuelle Leben kann jedoch kein biblisches Christuszeugnis sein. Dies ist ausschließlich das Evangelium von Christus selbst bzw. das Wort vom Kreuz.

    Liebe Grüße

    Andreas

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