Anlass der Reformation

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Der äußere Anlass der Reformation war der Ablasshandel der römischen Kirche.

Am 31. Oktober 1517 hatte Martin Luther (1483-1546) seine 95 Thesen an die Wittenberger Schlosskirche angeschlagen; dieses Datum gilt als Auftakt zur Reformation, dem Beginn einer Veränderung, welche die Kirche und damit die damalige Welt in vielerlei Hinsicht erfasst und nachhaltig geprägt hat.

Kern der Reformation war und ist jedoch Martin Luthers Erkenntnis, dass der sündige und gottlose Mensch allein durch Glauben gerettet wird, aus göttlicher Gnade, nicht durch irgendwelche guten Werke, sondern durch Zurechnung des leiblich-geschichtlichen Sühnetodes von Gottes eigenem Sohn.

Aus Angst vor der römischen Lehre des Fegefeuers, kauften viele Leute Ablassbriefe. Die römische Kirche lehrte, das wer einen Ablassbrief kauft, von seinen Sünden befreit wäre. Der Preis für einen Ablass lag bei unterem und mittlerem Einkommen etwa bei einem durchschnittlichen Monatslohn.

Tetzels Ablaßpredigt
Es geschah im Jahr 1517, daß ein Predigermönch namens Johann Tetzel, ein großer Schreier, von sich reden machte, Herzog Friedrich hatte ihn früher einmal in Innsbruck vom Sack erlöst, denn Maximilian hatte ihn zum Ersäuftwerden im Inn verurteilt, vermutlich um seiner großen Tugend willen. Herzog Friedrich leg in daran erinnern, als er uns Wittenberger so zu lästern anfing; er gab es auch offen zu.
Derselbe Tetzel ging nun mit dem Ablaß hausieren und verkaufte Gnade ums Geld aus Leibeskräften, so teuer oder so wohlfeil er konnte. Zu der Zeit war ich hier im Kloster Prediger und ein neugebackener Doktor, von heißer Liebe zur Heiligen Schrift erfüllt.
Als nun viel Volks von Wittenberg dem Ablaß nachlief nach Jüterbog und Zerbst usw., ich aber – so gewiß mich mein Herr Christus erlöst hat – nicht wußte, was der Ablaß war (wie es auch sonst kein Mensch wußte), fing ich vorsichtig an zu predigen, man könne wohl etwas Besseres tun, das gewisser sei als Ablaßlösen. Schon früher hatte ich hier auf dem Schlosse gegen den Ablaß gepredigt, aber bei Herzog Friedrich keine Gnade verdient; denn er hatte sein Stift auch sehr lieb. Nun um zur rechten Ursache des „lutherischen Lärms“ zu kommen – ließ ich zunächst alles so gehen, wie es ging. Indes wird mir berichtet, Tetzel habe greuliche, schreckliche Artikel gepredigt, von denen ich diesmal einige nennen will
Er hätte solche Gnade und Gewalt vom Papst, daß er es vergeben könnte, wenn einer gleich die Jungfrau Maria, Gottes geschwächt oder geschwängert hätte, wenn derselbe nur in den Kasten lege, was sich gebührt.
Weiter: Das rote Ablaßkreuz mit dem Wappen das in den Kirchen aufgerichtet werde, sei ebenso kräftig wie das Kreuz Christi.
Ferner: Wenn St. Peter jetzt hier wäre, hätte er keine größere Gnade oder Gewalt, als er habe.
Ferner: Er wollte im Himmel mit St. Peter nicht tauschen, denn er hätte mit [seinem] Ablaß mehr Seelen erlöst als St. Peter mit seinem Predigen.
Ferner: Wenn einer Geld für eine Seele im Fegefeuer in den Kasten lege, führe die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel, sobald der Pfennig auf den Boden fiele und klänge.
Ferner: Die Ablaßgnade sei eben die Gnade, durch welche der Mensch mit Gott versöhnt werde.
Ferner: Es sei nicht nötig. Reue, Leid oder BuBe für die Sünden zu tun, wenn einer den Ablaß oder die Ablaßbriefe kaufte (eigentlich sollte ich sagen: gewönne). Er verkaufte auch [Ablaß für] künftige×Sünden. Derlei Dinge trieb er greulich viel; es war ihm dabei nur ums Geld zu tun.
Ich wußte aber zu jener Zeit noch nicht, für wen dies Geld bestimmt war. Da kam ein Büchlein heraus, gar herrlich unter dem Wappen des Bischofs von Magdeburg, in dem einige dieser Artikel den Ablaß-krämern zu predigen aufgetragen wurden. Da kam’s an den Tag, das Bischof Albrecht diesen Tetzel gedungen hatte, weil er ein so großer Schreier war…
Aus >Wider Hans Worst<. (1541). Was 51,538,23 ff“
Quelle: Heinrich Fausel, Dr. Martin Luther Sein Leben und Werk 1483 -1521

In vielen Kirchen, auch den sogenannten „evangelischen Freikirchen„, wird daher heute offiziell der Reformation gedacht. In einigen Bundesländern ist der Reformationstag sogar ein arbeitsfreier Feiertag.

Blickt man jedoch hinter die Kulissen, der aus der Reformation hervorgegangen evangelischen Kirchen, und auch der Freikirchen, ist festzustellen, dass von einem reformatorischen Erbe auf der einen Seite wenig übrig geblieben und auf der anderen Seite überhaupt gar nicht von einem solchen zu sprechen ist.

Denn nicht der ist bereits schon „evangelisch„, der sich evangelisch oder reformatorisch nennt, sondern der ist im eigentlichen Sinn evangelisch (und damit Erbe der Reformation), der auf dem Fundament reformatorischer Lehre und reformatorischer Bekenntnisse steht.

Abgesehen von konfessionellen, bekenntnisorientierten evangelischen Freikirchen, besitzen die meisten modernen Freikirchen historisch betrachtet, jedoch überhaupt gar keine historische Verwurzelung in der Reformation.

Das selbstgewählte Attribut „reformatorisch“ bzw. „evangelisch„, vieler sich so bezeichnenden Bewegungen und Gemeinden, trifft strenggenommen deshalb oftmals überhaupt nicht zu. Denn aus der Reformationszeit sind letztlich sogar drei „reformierte“ Strömungen hervorgegangen.

  • Am bekanntesten dabei fraglos einerseits die beiden reformatorischen Kirchen (lutherisch und die reformiert),
  • andererseits jedoch, nicht minder „reformiert“, die römisch katholische Kirche (Konzil von Trient).
  • Zumeist vergessen wird jedoch daneben der „linke Flügel“ bzw. die „radikale Reformation“ (Heinold Fast) und damit ein dritter Typus: eine sich als „restituierte“ Kirche (Wiederherstellung der neutestamentlichen Gemeinde, Franklin H. LittelI) verstehende Bewegung.

Zu dieser Bewegung werden neben den Täufern, die Spiritualisten und Schwärmer bzw. die Antitrinitarier gezählt. Wobei diese Gruppen nicht streng voneinander getrennt zu sehen sind und deren theologische Positionen („Schleitheimer Artikel“) fließend ineinander übergingen.

Vergleicht man nun die Glaubensüberzeugungen vieler heutiger Freikirchen, mit denen dieser Bewegung, lässt sich deren fortgesetzte Bezugnahme auf die Reformatoren m.E. nicht durchhalten. Diese wurden von den Reformatoren ebenso hart bekämpft und abgelehnt wurde wie die römische Verirrung. Und von dieser radikalen Spielart der Reformation ausgehend, über den Pietismus und eben nicht der eigentlichen Reformation entstand der heutige Evangelikalismus, welchem die sich oft zu unrecht „evangelisch“ nennenden Freikirchen angehören.

Formal sind die zwei protestantisch-evangelischen Konfessionen (reformiert/lutherisch) zwar noch den fünf Solas und den reformatorische Bekenntnisse verbunden, haben aber das reformatorischen Erbe fast vollständig über Bord geworfen. Die evangelischen Kirchen vertreten heute liberal-theologische Positionen, sowohl in der universitären Forschung bzw. innerhalb der reformatorischen Volkskirchen – egal ob lutherisch, reformiert oder uniert, welche mit der traditionell-orthodoxen reformatorischen Lehre respektive den nach wie vor offiziell geltenden Bekenntnissen und nicht zuletzt der Schrift im Widerspruch stehen (Bibelkritik, Ablehnung des Sühnetods etc.). Reformatorische Positionen wurden und werden verwässert und sogar aufgegeben.

Luther hatte es der römisch katholischen Kirche in Bezug auf die Rechtfertigung (articulus stantis et cadentis ecclesia) damals mit auf den Weg gegeben: Diese hatte ihren Anspruch katholische Kirche zu sein – seiner Meinung nach – eben selbst dadurch verloren, dass sie sich von der Quelle wegorientiert hat und seine eigene Katholizität keineswegs in Frage stellen lassen. Dies gilt ebenso für die heutigen evangelischen Kirchen.

Der Begriff “reformatorisch” oder „evangelisch“ stand und steht ohne wenn und aber für konkret faßbare Lehren und Bekenntnisse. Diese stehen jedoch wiederum in einem – oft fundamentalen – Gegensatz zu den allermeisten Glaubenssätzen evangelikaler Gemeinden, insbesondere in der Frage der Rechtfertigung. Luther oder Calvin würden jedoch auch das „Sola Scritura“ Verständnis weiter Teile des Evangelikalismus als nichtreformatorisch und schwärmerisch ansehen.

Ohne erneute Reformation der Kirchen (Ecclesia semper reformanda est) in Deutschland, einer Reformation am Wort Gottes, unabhängig davon ob es Landeskirchen oder Freikirchen betrifft, gilt die oben genannte Feststellung Luthers für beide.

sdg
Andreas

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