Kapitalismus – christlich akzeptable Wirtschaftsordnung?

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Zunächst einmal kann festgestellt werden, dass für das Zusammenleben von Menschen- im Kleinen wie im Großen- stets Ordnung benötigt wird. Im Hinblick auf das Regierungssystem wird aktuell Demokratie und Rechtsstaat als allgemein akzeptierte Ordnung und Rahmen gesicherter gleicher Handlungsfreiheit und Mitwirkungsmöglichkeit angesehen. Gleichermaßen verhält es sich mit Fragen des Geldes und der Arbeit, auch diese benötigen eine Ordnung, eben eine Wirtschaft- bzw. Sozialordnung.

Auch wenn aus christlicher Perspektive keine Regierungsform bzw. Wirtschaft- bzw. Sozialordnung biblisch oder unbiblisch ist, gibt es doch durchaus menschliche Systeme, die unter den gegebenen Umständen einer gefallenen Welt, einigermaßen „gerecht“ sein können.

Beim Nachdenken über diese Frage, geht es, bedenkt man Augustins „De civitate Die“ oder Luthers „Zwei-Reiche-Lehre“, um eine säkulare Staats- und Gesellschaftsordnung (civitas terrena). Und um die gefallene Schöpfung, speziell die menschliche Natur unter der Knechtschaft der Sünde (Anthropologie des Menschen).

Christliches Utopia

Christen machen sich nun seit Jahrhunderten Gedanken über eine gerechtere und soziale Staats- und Gesellschaftsordnung. Mit dem Roman „Utopia“ des englischen Staatsmanns und katholischen Klerikers Thomas Morus (englisch Thomas More, 1478–1535) erschien vor 500 Jahren, der erste Sozialismusentwurf[i].

Vertraut man nun auf diverse Christen- vor allem aus linkskatholischen/-evangelikalen Gruppen bzw. deren Ideologen- gibt es, im Hinblick auf die Wirtschaftsordnung tatsächlich keinen Zweifel daran, dass eine Form des Sozialismus oder „Kommunismus des Urchristentums“ „christlich“ bzw. biblisch geboten ist.

Anhänger dieser Ideologie, eines christlich motivierten bzw. kirchlichen Sozialismus, sind weiterhin nicht nur in den klassisch linken Parteien (SPD, Die Grünen, LINKE) zu verorten, sondern- für viele durchaus überraschend- auch fest verankert in der CDU/CSU.[ii]

Ein solch kirchlicher Sozialismus existiert, natürlich je nach konfessioneller Spielart, in allen Kirchen und Freikirchen. Dort wird dieser durchaus theologisch begründet, als politisch-diakonische Befreiungstheologie, als eschatologische Vorwegnahme des kommenden Gottesreiches oder als ein auf Fragen des Sozialen oder der Gerechtigkeit dekonstruiertes Evangelium vertreten.

Was nun gleich gänzlich ausgeschlossen werden kann, ist die Behauptung, es gäbe überhaupt einen Unterschied zwischen normalen und kirchlichen Sozialismus.[iii]

Betrachtet man die unrühmliche Geschichte bzw. den fehlenden Erfolg der bisherigen Versuche mit Hilfe des Sozialismus/Kommunismus, eine funktionierende bzw. gerechte Staats- und Gesellschaftsordnung zu errichten, ist festzustellen, dass dessen Scheitern eine logische Folge dieser Ideologie darstellt.

Nehmen – Sozialismus

Sozialismus, also die Verstaatlichung der Produktionsmittel, der Umverteilung des Privatvermögens bis Gleichheit erreicht ist, muss als „Wirtschaftsform des Nehmens“ (Prof. Martin Rhonheimer[iv]) bezeichnet werden. Die Idee des Sozialismus ignoriert die Natur des gefallenen Menschen bzw. appelliert an dessen schlechtesten Eigenschaften: Neid, Faulheit, Initiativlosigkeit, Vorteilsnahme etc. In der Realität bedeutet dies ohne Ausnahme: Umverteilung bis alle gleich arm sind.

Wieso halten trotzdem viele Christen, selbst wenn sie nicht durch den real existierenden Sozialismus sozialisiert wurden, ausgerechnet Sozialismus für christlich akzeptabel oder gar geboten?

Offensichtlich deshalb, weil ihnen die Utopie des Sozialismus suggeriert, durch allgemeine Gleichheit eine gerechte Wirtschafts- bzw. Sozialordnung herstellen zu können. Bei näherer Betrachtung ist jedoch offenkundig, dass durch Gleichheit keine „Gerechtigkeit“ und erst recht kein wirtschaftlicher Erfolg hergestellt werden kann.

Bereits der griechische Philosoph Aristoteles zeigte auf, dass Gerechtigkeit bedeutet Gleiche gleich und Ungleiche ungleich zu behandeln (Aristoteles’ Grundsatz formaler Gerechtigkeit[v]). Ökonomisch ausgedrückt: Gerecht ist, wenn das Gleiche nur der bekommt, der das Gleiche tut.

Viele Christen lehnen Kapitalismus aber auch wegen seines schlechten Rufes ab bzw. sie gar nicht wissen was diesen ausmacht.

Durch Karl Marx abwertend verwandte Begriffe wie „Kapitalismus“, „Kapital“ oder „Kapitalist“, werden heute ganz allgemein, nicht erst durch die Kritik am „Raubtier- oder Turbokapitalismus“ negativ verwendet und als unsozial grundsätzlich abgelehnt. [vi]

Dabei ist bspw. das Sparen d.h. das Ansammeln von Kapital ein positives und wesentliches wirtschaftliches Element, nicht primär um reich zu werden, sondern auch um für Zeiten der Not vorzusorgen.

Geben – Kapitalismus

Der Kapitalismus, die Marktwirtschaft als Sozial- und Wirtschaftssystem, erkennt dagegen die sündhafte und eigennützige Natur des Menschen an und basiert auf dem oben angeführten simplen aristotelischen Prinzip. Er fördert individuelle Freiheit und Selbstverantwortung: Man erntet was man sät. So wie der Sozialismus die Wirtschaftsform des Nehmens ist, ist der Kapitalismus letztlich die „Wirtschaftsform des Gebens“ (Prof. Martin Rhonheimer):

„Die Marktwirtschaft ist durch zwei Elemente gekennzeichnet: es besteht Sondereigentum an den Produktionsmitteln und Arbeitsteilung. Jeder handelt für sich, doch jedermanns Handeln ist mittelbar auch auf die Erfüllung der Zwecke der anderen Handelnden gerichtet. (…) Jeder gibt, um zu empfangen; jeder dient, um bedient und bedankt zu werden. Jeder ist Zweck und Mittel zugleich: Zweck sich selbst und Mittel allen anderen zur Erreichung ihrer Zwecke.“ Ludwig von Mises, „Nationalökonomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens“

Kapitalismus stellt den Menschen, dessen natürliche Rechte, inklusive dessen individuelle Freiheit, und sein privates Eigentum in den Mittelpunkt eines gerechten Sozialsystems. Jeder kann reicher, aber auch ärmer werden. Jeder Mensch hat seine wirtschaftliche Situation, gewissermaßen selbst in der Hand.

Auf der Suche nach einer christlich gebotenen Wirtschafts- und Sozialordnung wäre also besser gefragt, ob eine Wirtschaftsordnung möglich ist, welche das biblische Urteil über die Gegebenheiten dieser Welt und des Menschen anerkennt und sich daran ausrichtet.

Geben ist seliger als nehmen – Christliches Wirtschaftsverständnis

Gleich zu Beginn der Geschichte wurde der Mensch aus dem Paradies, dem tatsächlich biblischen „Utopia“ vertrieben. Damit stand und steht auch das soziale und wirtschaftliche Handeln in dieser Welt, unter den Folgen des Sündenfalls (Mühsal und Anstrengung[vii]).

Durch die Schrift zieht sich ein roter Faden, nach dem Haushalterschaft (sinnvolles, sparsames Wirtschaften) nicht bloß erstrebenswerte Tugenden sind, sondern sich daraus gerechte Folgen für das Leben ergeben[viii].

Kapitalismus, als säkulare Ordnung in Fragen der Wirtschafts- und Sozialordnung ist somit nicht nur vorteilhaft und effizient, weil sie der menschlichen Natur entspricht, Kapitalismus kann aus christlich-ethischer Sicht durchaus als geboten bezeichnet werden.

Moralität (Eigeninitiative, Freiheit und Selbstverantwortung) und Ethik (Wahlfreiheit und Verantwortung für das eigene Handeln) sind Voraussetzung und notwendiger Rahmen eines funktionierenden Marktes. Wer auf Grundlage des biblischen Prinzips der Haushalterschaft, mit Voraussicht, Fleiß, Selbstbeherrschung, Kooperationsbereitschaft wirtschaftet, wird für seine Mühsal und Anstrengung belohnt.

Der Kapitalismus entspricht somit sowohl am besten der Natur des Menschen, wie er die effektivste Ordnung des Wirtschaftens ist.

[i] http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Morus–%20Utopia.pdf

[ii] (Strömungen innerhalb des deutschen politischen Katholizismus, die sich aus religiösen Motiven auf der linken Seite des politischen Spektrums positionierten s. a.  Zentrumspartei). Bekannteste Beispiele: der „Herz-Jesu-Sozialist“ Norbert Blüm, Heiner Geissler oder Rita Süssmuth. Quelle: http://www.kas.de/wf/de/71.8820/

[iii] „Der kirchliche Sozialismus, wie er in den letzten Jahrzehnten bei zahlreichen Bekennern aller christlichen Kirchen Fuß gefasst hat, ist nichts anderes als eine Spielart des Staatssozialismus. Staatssozialismus und kirchlicher Sozialismus sind so sehr ineinander verwachsen, dass es schwerfällt, zwischen ihnen eine feste Grenze zu ziehen und von einzelnen Sozialpolitikern zu sagen, ob sie dieser oder jener Richtung angehören.“ Quelle: Ludwig von Mises, Die Gemeinwirtschaft – Untersuchungen über den Sozialismus (1922) http://docs.mises.de/Mises/Mises_Gemeinwirtschaft.pdf

[iv] Prof. Martin Rhonheimer, http://austrian-institute.org/christliche-sozialethik-und-kapitalismus/

[v] http://www.qe-gm.at/produkte/downloads/Band%202/Schmid_Gleichheit-und-Gerechtigkeit.pdf

[vi] „In einer aktuellen Umfrage der Harvard University lehnten 51% der Generation Y den Kapitalismus ab, während 33% den Sozialismus befürworteten.“ Quelle: http://www.misesde.org/?p=14601

[vii] 1Mose3:16-19 Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein. Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

[viii] Spr21:5 Das Planen eines Emsigen bringt Überfluss; wer aber hastet, dem wird’s mangeln.; Spr10:4 Lässige Hand macht arm; aber der Fleißigen Hand macht reich.; 1Thess 4,11 und eure Ehre darein setzt, dass ihr ein stilles Leben führt und das Eure schafft und mit euren eigenen Händen arbeitet, wie wir euch geboten haben,; 2Thess 3,10 Denn schon als wir bei euch waren, geboten wir euch: Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.

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