Mit dem Blog-Artikel „A Time for Civil Disobedience? A Response to Grace Community Church’s Elders“ (Übersetzung hier) hat Jonathan Leeman, der Editorial Director von 9Marks und Älteste der Cheverly Baptist Church in Cheverly, Maryland auf die Erklärung der Ältesten der Grace Community Church geantwortet.
Ich halte seine Argumentation und Begründungen für irrig bzw. ein großes Miss- bzw. Fehlverständnis und habe mir erlaubt auf seine Argumente bzw. 4 Punkte zu antworten.
Jonathan Leeman befindet sich bereits zu Beginn und grundsätzlich im Irrtum, wenn er die Frage nach der staatlichen Autorität über kirchliche Angelegenheiten bzw die Kirche und den Gottesdienst an sich, als eine Ermessensentscheidung auf Grundlage von Gewissensgründen (Röm14:14) einordnet. Diese Ermahnung wurde im Hinblick auf glaubensschwache Geschwister geschrieben, richtet sich nicht an die Kirche bzw. Älteste und schon gar nicht in Bezug auf Fragen, die das Wesen der Gemeinde an sich, bzw. die Frage wer Autorität über die Kirche hat.
zu 1. Es steht dem Staat grundsätzlich nicht zu, über das Ob, den Ort, die Zeit oder die Form eines Gottesdienstes zu entscheiden oder Einfluss darauf zu nehmen. Dazu gleich mehr.
zu 2. Der angeführte Vergleich mit der Verdunklungsanordnung im 2.WK, dem die Kirchen gefolgt seien, passt nicht. Die Gottesdienste wurden durch die Verdunkelungsanordnungen in keiner Weise eingeschränkt. Nichts musste geändert werden. Gottesdienste konnten völlig frei und nach den Richtlinien der Kirchen durchgeführt werden.
Der Vergleich mit China geht durchaus in die richtige Richtung. Aber hier entscheiden die Ältesten und Pastoren eigenverantwortlich darüber, ob sie sich der Verfolgung durch eine nichtlegitime Obrigkeit aussetzen oder nicht. An eben dieser Wegscheide stehen wir augenblicklich.
zu 3. Es geht in keiner Weise darum „Muskeln zu trainieren“ bzw. für zukünftige Auseinandersetzungen mit einer übergriffigen weltlichen Obrigkeit auszutesten, wie weit man gehen kann oder mutig zu sein. Es geht um biblische Grundsätze, die nicht erst seit den Tagen der Reformatoren bekannt sind, sondern bereits seit den Tagen Konstantins.
Weltliche Obrigkeiten haben in Bezug auf die Kirche ausschließlich das Recht Synoden und Konzile einzuberufen, mehr nicht. Auf diesen entscheidet die Kirche selbst über ihre eigenen Angelegenheiten. Zu Römer 14 habe ich bereits zu Beginn festgestellt, das Paulus hier den Umgang mit schwachen Geschwistern adressiert, nicht den Umgang mit der Wahrheit des Evangeliums.
Zu 4. Auch hier irrt Jonathan Leeman bzw. Mark Dever, insofern dieser ihm zustimmt. Die Autorität einer Obrigkeit, egal welcher, steht und fällt mit der (zumindest praktischen) Anerkenntnis der Obrigkeit Gottes und seiner Gebote.
Ja, das Konzept aller Obrigkeit, jeder menschlichen Ordnung kommt von Gott, dies lehrt die Schrift von Anfang an.
In Römer 13 spricht Paulus, wenn er von Obrigkeit spricht, nicht von dem modernen, totalen, machiavellistischen Staate, sondern zunächst einmal von jeder Obrigkeit. Die reformatorische Theologie kennt die drei bzw. vier Stände bzw. Regimenter, die biblisch als Obrigkeit zu beurteilen sind: Kirche, Ehe/Familie, Arbeit/Wirtschaft und die weltliche Obrigkeit. Wobei König und Statthalter bzw. die Regierung als Gottes Dienerin in irdischen Rechtsangelegenheiten bezeichnet wird (Spr29,4, Röm13).
Auch wenn Römer 13 natürlich immer „gilt“ ist erstens zu klären, ob die Erfüllung der Aufgabe als Obrigkeit nach Römer 13 legitim ist oder nicht bzw. wer über wen, wann Autorität besitzt.
Obrigkeit steht primär nicht für eine Regierung bzw. Herrschaft an sich, sondern stets in untrennbarer Verbindung mit der Herstellung und Aufrechterhaltung des Rechts, dem Gesetz Gottes.
Das Konzept biblisch legitimer Obrigkeit steht und fällt mit der Anerkenntnis des Rechts Gottes und einer sinngemäßen Umsetzung, sprich einer Verfassung welche sich ein Volk gibt (z.B. Präambel des GG: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“…“hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.„).
Erst dem nachgeordnet steht menschliche Autorität und Amt.
Gott setzte zunächst Richter und Vorsteher über Israel ein (5Mo16:18) um Unrecht aller Art zu begegnen, auch die Aufgabe des Königs, welchen Israel gegen Gottes Willen begehrte, war von Beginn an Recht zu sprechen (1Sam8) und auch Paulus und Petrus lehren die Aufgabe der Könige und Statthalter für Recht zu sorgen.
Einziger Sinn und Zweck, die Daseinsberechtigung jeder Obrigkeit besteht also darin den Menschen, also uns „zugut“ zu sein, das Recht umzusetzen, welches von Gott kommt und die Bösen straft (Römer 13). Deshalb- und nur deshalb- sollen wir uns jeder menschlichen Ordnung um des Herrn willen unterordnen: wenn diese die Übeltäter bestraft und die Guten lobt (1.Petrus2).
Wenn sich eine Regierung jedoch anmaßt das Gute böse und das Böse gut zu nennen, das Recht Gottes pervertiert (Jesaja 5,20), das Recht ignoriert, aussetzt und verdreht wie die unsere, oder Autorität über die Kirche Jesu Christi zu beanspruchen, ist es die Pflicht und Aufgabe der Kirche dagegen aufzustehen!
Fazit: Völlig unabhängig von der Frage ob John MacArthur bzw. die Ältesten der Grace Community Church an der Gefährlichkeit von Covid-19 zweifeln (was ich nicht sehe), gehört es zu ihrer Aufgabe bzw. Aufgabe einer jeden Ältestenschaft zu beurteilen welche Schlussfolgerungen sie für die Kirche ziehen.
Nach allem was ich gelesen und gehört habe, urteilt die Ältestenschaft der Grace Community Church weiterhin nicht über andere Geschwister, Älteste oder Gemeinden, die dies anders sehen.
Richtig ist jedoch, dass sie eine eindeutige und aus meiner Sicht auch die einzig biblisch legitime Position auf Grundlage der Schrift einnehmen. Sie beanspruchen mit allem Recht als Kirche ihre inneren Angelegenheiten selbst zu entscheiden. Anordnungen einer weltlichen Obrigkeit über das Ob, den Ort, die Zeit oder die Form eines Gottesdienstes zu entscheiden oder Einfluss darauf zu nehmen sind nicht legitim!
Der biblische Auftrag Gottes an sein Volk zur Anbetung Gottes ist m E. eindeutig, sowie legitimer Gottesdienst bestimmte Kriterien zu erfüllen hat.
Ich zähle mal (sicher unvollständig und unvollkommen) die Kriterien auf, die mir einfallen:
- der Ruf Gottes zu seiner Anbetung als ein Gebot mit Anspruch auf Gehorsam für alle Menschen:
- daher öffentliche Versammlungen (Evangelisation)
- daher gemeinsamer Ort und Zeit der Gemeinde (Gottesdienst)
- an dem Gott mit seinen Gnadenmitteln an uns wirkt (Wort, Mahl, Taufe -> Westm Art.25)
- an dem die Gemeinde Gott gemeinsam mit Gebet und Gesang antwortet
Wenn andere Gemeinden der Auffassung sind, weltliche Obrigkeiten besäßen Autorität über die Kirche, halte ich dies für eine falsche Lehrauffassung bzw. beurteile es sehr wohl als Entscheidung darüber, wem mehr zu gehorchen ist: Cäsar oder Christus!
„Wer fromm ist, muss auch politisch sein.“ Schon 1933 beschreibt Bonhoeffer drei Formen, in denen die Kirche ihre Verantwortung gegenüber dem Staat ausüben muss:
- Sie stelle „erstens die an den Staat gerichtete Frage nach dem legitimen Charakter seines Handelns“. Das heiße „Verantwortlichmachung des Staates“.
- Zweitens verrichte sie „den Dienst an den Opfern des Staatshandelns. Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören.“
- Die dritte Aufgabe der Kirche bestehe darin, „nicht nur die Opfer unter dem Rad zu verbinden, sondern dem Rad selbst in die Speichen zu fallen.“