Die Geschichte ist voll von „Befreiern“, die Leichenberge hinterlassen, um eine abstrakte nationale Staatlichkeit zu begründen oder zu retten. Die folgenden zwei Erzählungen – Verdichtungen historischer Kerne – illustrieren den ewigen Konflikt zwischen dem Herrschaftstrieb der Eliten und der Realität des einfachen Mannes.
Es ist der Kampf zwischen der gnostischen Utopie, die die Welt gewaltsam neu erschaffen will, und der demütigen Anerkennung der Schöpfungsordnung.
1. Der Gnostiker und der Hirte: Che Guevara in Bolivien
Als Che Guevara 1967 in Bolivien gefasst wurde, war sein revolutionäres Projekt nicht an der militärischen Übermacht des Gegners gescheitert, sondern an der fehlenden Resonanz derer, die er zu „erlösen“ vorgab. Die Bauern verrieten ihn nicht aus Bosheit, sondern aus Notwendigkeit.
In der literarischen Verdichtung dieses historischen Faktums entlarvt sich die Anmaßung des Zentralplaners:
Ein Soldat fragt den Hirten, der das Versteck verraten hatte: „Wie kannst du einen Mann verraten, der sein Leben dafür eingesetzt hat, für dich und deine Rechte zu kämpfen?“
Der Hirte antwortet mit der stoischen Ruhe dessen, der in der Realität verwurzelt ist: „Sein Kampf gegen den Feind hat meine Schafe erschreckt. Wer meine Schafe in Unruhe versetzt, bedroht mein Leben.“
Die Analyse: Hier prallen zwei Welten aufeinander. Guevara repräsentiert die „Anmaßung von Wissen“ (F.A. von Hayek). Er glaubt, die Bedürfnisse des Hirten besser zu kennen als dieser selbst. Er opfert das konkrete Leben und Eigentum der Menschen seiner abstrakten Zukunftsvision. Der Hirte hingegen handelt streng rational im Sinne seiner Lebenswirklichkeit (Praxeologie, Ludwig von Mises): Sein höchstes Gut ist nicht die politische Utopie, sondern die Sicherung seiner Existenzgrundlage. Die Revolution ist für ihn kein Befreiungsschlag, sondern eine Marktstörung – ein gewaltsamer Eingriff in seine Sphärensouveränität. Wo der Revolutionär „Geschichte“ sieht, sieht der Hirte nur zertrampelte Weiden.
2. Der Etatist und der Markt: Napoleon und Mohamed Karim
1798 in Alexandria. Mohamed Karim führt den Widerstand gegen Napoleon. Er scheitert, wird gefangen und zum Tode verurteilt. Napoleon, der Prototyp des modernen machiavellistischen Herrschers, versucht, die Situation politisch zu nutzen.
Die überlieferte Szene offenbart das Wesen des Staates im Kontrast zur Zivilgesellschaft:
Napoleon bietet Karim einen Deal an: „Ich bedaure, einen Helden töten zu müssen. Ich schenke dir das Leben – gegen eine Sühnezahlung von 10.000 Goldstücken.“
Karim, der sich der Loyalität seiner Leute sicher wähnt, entgegnet: „Ich besitze dieses Gold nicht, aber die Händler der Stadt schulden mir weit mehr. Sie werden zahlen.“
Man gewährt ihm den Gang zum Markt. Doch die Händler wenden sich ab. Kein Goldstück wird gesammelt. Statt Dankbarkeit schlägt ihm die Kälte der ökonomischen Bilanz entgegen: Seine Kriege haben den Handel ruiniert, die Lager geleert, die Stadt verarmen lassen.
Gebrochen kehrt er zurück. Napoleons Urteil ist zynisch, aber treffend: „Ich töte dich nicht, weil du gegen mich gekämpft hast. Ich töte dich, weil du dein Leben für ein Volk geopfert hast, das den Handel mehr liebt als die Ehre.“
Die Analyse: Napoleon irrt. Die Händler lieben nicht das Geld mehr als die Freiheit. Sie verstehen unter Freiheit nur etwas gänzlich anderes als der Feldherr. Für Karim und Napoleon ist Freiheit ein politischer Machtstatus – erkauft mit dem Blut und dem Geld anderer. Für die Händler ist Freiheit die Abwesenheit von Zwang, die Sicherheit des Eigentums und die Möglichkeit zum friedlichen Tausch. Karim hat als „Obrigkeit“ versagt: Statt die Ordnung zu schützen, hat er sie für seinen Heroismus geopfert. Die Händler votieren nicht gegen die Freiheit, sondern gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage durch politische Abenteurer.
Die Synthese: Wahre Freiheit vs. Politische Utopie
Beide Geschichten legen das fundamentale Missverständnis der politischen Moderne frei.
Ideologie vs. Schöpfungsordnung: Selbsterklärte Eliten kämpfen für Ideen. Sie sind bereit, die Welt in Brand zu stecken, um ihre Vision aus der Asche aufsteigen zu lassen. Das ist säkularisierte Eschatologie – der Versuch, das Paradies mit dem Schwert zu erzwingen.
Lebenswirklichkeit: Die Menschen hingegen leben in den von Gott gegebenen Ordnungen: Familie, Arbeit, Eigentum. Diese Sphären sind vor-politisch. Sie existieren nicht durch Gnaden des Staates, sondern aus eigenem Recht.
Wenn der „Befreiungskampf“ dazu führt, dass der Hirte nicht mehr weiden und der Händler nicht mehr tauschen kann, verliert er jede Legitimität. Er wird zum Raubzug.
Schlussfolgerung: Die Eliten verwechseln oft Legalität (ihr selbstgeschriebenes Recht zur Macht) mit Legitimität. Wahre Legitimität erwächst aber nicht aus Manifesten oder militärischen Siegen, sondern aus der Achtung der Lebenswirklichkeit.
Wer dem Hirten das Schaf nimmt, um ihm die „nationale Größe“ zu geben, ist kein Befreier, sondern ein Dieb. Wer den Handel zerstört, um den „Staat“ zu retten, ist kein Held, sondern ein Vernichter von Wohlstand.
Freiheit ist kein abstrakter Begriff für Sonntagsreden. Freiheit ist das Recht, ungestört seine Schafe zu weiden, seine Verträge zu erfüllen und Gott mehr zu gehorchen als den Menschen. Alles andere ist Tyrannei im Gewand der Tugend.